SIEB.10/Prosa

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wenn sie an der nächsten haltestelle aussteigen wollen, drücken sie bitte rechtzeitig den halteknopf

präludium

benjamin in den kindergarten am pfarrplatz gebracht -
mittwochs ist "papatag", wie er immer sagt -
heute mußte ich wieder besonders lange winken -
auch einen abschiedskuß hat er mir gegeben, das macht er nicht jeden tag -
habe ich auch nicht auf seine jause vergessen ? -
ich grüße den hinkenden straßenkehrer, der gerade seinen wagen weiterschiebt -
auf dem weg durch die rathausgasse sich langsam einstimmen für den arbeitstag -

hauptplatz

hoffentlich nicht das loch um 8 (zwei 3er hintereinander oder gar ein durchgestrichener 1er) -
ich will nicht zur grottenbahn, schon gar nicht in die sonnensteinstraße -
die uhr des alten rathauses - erst 7 uhr 40 -
ein blick zur schmidttorgasse -
ein 3er -
die kehrmaschine fährt mit fauchen und zischen hinter mir vorbei und hält den verkehr auf - wie immer um diese zeit -
ein paar tschechen qualmen mit ihren skodas vorbei und suchen einen parkplatz -
ein blick zur schmidttorgasse -
meine drei putzfrauen kommen vom landhaus herüber -
ich halte sie für putzfrauen, denn ich kenne sie und ihre hände -
der 1er (nicht der schwarze, fast bin ich enttäuscht) -
ein paar verkäuferinnen steigen aus - genau weiß ich es nicht, aber um diese zeit ... sie müssen verkäuferinnen sein -
ich habe glück und bekomme einen sitzplatz -
ich steige immer vorne ein, weil hinten (rückwärts, wie die straßenbahner sagen) bekomme ich magenschmerzen, zumindest bilde ich mir das ein -
ich hole den kalender aus meiner umhängtasche und suche den heutigen tag, als ob man einen tag suchen könnte -
ich überlege, was ich heute im büro machen werde -
keine lehrveranstaltung, aber ich wollte die rezension fertigschreiben - ich notiere "rezension" -
heute abend gehen wir in nabucco -
ich weiß, der tag wird schön enden, obwohl er erst wenige stunden alt ist, ein schönes gefühl -

rudolfstraße umsteigen zu den linien 3, 32 und 38

ich verstaue den kalender und nehme die wochenzeitung -
zuvor mustere ich kurz mein gegenüber -
eine schülerin vermutlich, sie hält ein abgegriffenes reclamheft in der hand -
ich schlage meinee zeitung auf - schon wieder bundesheer, diesmal nicht noricum -
ich kann das wort nicht mehr hören, trotzdem lese ich ein paar zeilen -

wildbergstraße jahrmarktgelände zahlgrenze

die berufsschüler steigen aus -
sie haben es gar nicht eilig, ich blicke ihnen nach -
ein älterer mann steigt ein und will sich nicht setzen, obwohl ihm zwei schüler einen platz anbieten, "ich steige gleich aus", sagt er -
dann setzt er sich doch -
ich schaue wieder in meine zeitung und merke, daß ich lese ohne zu lesen -

peuerbachstraße

jetzt ist die straßenbahn ziemlich leer geworden, denn eine größere gruppe schüler ist ausgestiegen -
der fahrer hilft einer mutter mit kinderwagen beim einsteigen -
ich blicke kurz von meiner zeitung auf, als der straßenbahnwagen die eisenbahngleise rumpelnd überquert - 15 steht auf einem gelben schild -
ich lese ein paar zeilen (und lese sie doch nicht) -
trotzdem blättere ich weiter -

linke brückenstraße umsteigen zur linie 32 zahlgrenze

mir fällt ein, daß ich für eine kollegin meiner frau ein buch aus der ub besorgen soll -
ich hole nochmals meinen kalender aus der tasche und mache mir eine notiz "buch für susanne" -
als ich den kalender verstaue, fällt mein blick auf das reclamheft meines gegenübers -
"die leiden des jungen werthers" kann ich jetzt lesen -

ontlstraße

der fahrer wartet auf ein paar schüler, die vom bus herübergelaufen kommen -
"danke" keuchen sie und werfen ihre schweren taschen auf den boden -
der eine hat die kopfhörer eines walkman über seinem struppigen haar -
hie und da dringt ein scharfer rhythmus zu mir herüber, eine melodie ist nicht zu entnehmen -
"hast du die hausüberung aus mathe" fragt ein anderer -
ich versuche weiterzulesen, vielmehr, ich studiere eine karikatur -

harbach zahlgrenze

beim blumengeschäft stellt eine verkäuferin gerade ein schild auf -
ich vergesse den text, ehe ich ihn gelesen habe, wahrscheinlich ein sonderangebot -
"die leiden des jungen werthers" fällt mir wieder ein -
ich mustere unauffällig das gesicht des mädchens in der fensterscheibe und schaue dann wie unabsichtlich kurz direkt hinüber -
die dichten rotblonden haare sind vermutlich mit einem band zusammengebunden -
als ich vor vielen jahren den "werther" gelesen habe (habe ich ihn überhaupt gelesen?) -
briefroman, selbstmorde assoziiere ich ... und liebe -

harbachsiedlung

das mädchen ist vielleicht 16 oder 17 -
sie sieht ein bißchen altmodisch aus, ein wenig ländlich -
wahrscheinlich muß sie den "werther" für die schule lesen und dann einen aufsatz darüber schreiben -
ich lese in meiner zeitung (ohne zu lesen) -
ungeordnete gedanken, mehr gefühle sind es, die mir im kopf herumgehen -
als das mädchen merkt, daß ich sie schon einige augenblicke lang anstarre, blickt sie kurz auf und gleich wieder weg -
man blickt immer gleich weg, wenn man sich in der straßenbahn ansieht -
das gehört sich nicht, bekommt man schon als kind zu hören -

gründberg umsteigen zur linie 38

sie blättert um, sie liest also tatsächlich -
ich blättere auch um -
"frühjahrsputz in budapest" lese ich und ich denke an den geplanten urlaub am plattensee -
wir haben uns dann doch für die toskana entschieden -
ich merke, daß das mädchen kurz herüberschaut -
ich merke es, obwohl ich zeitung lese (lese ich?)
ich sehe schon die kirche von magdalena und den ersten goldregen bei der feuerwache (ich habe noch nie eine ausfahrt beobachtet -
es ist ein sonniger tag -

sankt magdalena biesenfeldbad zahlgrenze

der ältere mann von der wildbergstraße sitzt noch immer auf seinem platz, er umklammert einen plastiksack -
"frühjahrsputz in budapest" lese ich nochmals und blättere weiter -
eine werbung für den "philharmoniker" -
ich denke an nabucco und "teure heimat ...", der tag wird gut enden -
verona fällt mir ein, schon wieder urlaub -
das mädchen läßt das reclamheft kurz sinken -
sie ist eigentlich recht hübsch, der "werther" paßt irgendwie zu ihr -
ich bemerke, daß die zeilen numeriert sind (wie in der bibel) -
ich vermeide, sie auch indirekt durch die spiegelung im fenster zu beobachten (beobachte ich sie?) -
sie wird sicherlich einen aufsatz schreiben müssen -

glaserstraße

die putzfrauen steigen aus, sie wohnen im biesenfeld, wie ich weiß -
hier möchte ich nicht einmal begraben sein, denke ich -
architektonisch ganz interessant, aber die verwinkelten stiegenhäuser -
unsere leihomi wohnt hier bei ihrer tochter -
ich habe benjamin manchmal hingebracht und abgeholt -
heute abend kommt sie, wenn wir ins theater gehen -

dornach zahlgrenze

ich sehe das postamt -
ein paar tnf-studenten steigen aus, für sie ist es näher zum tnf-turm als von der endstation -
man erkennt die tnf-studenten an den abgewetzten aktenkoffern -
oder sie wollen auch nur ein wenig frische luft schnappen -
das mädchen vis-á-vis verstaut das reclamheft in der schultasche und schaut auf die uhr -
sie wirkt für mich noch altmodischer als vorher, aber der "werther" paßt ... (das habe ich doch schon gedacht) -

schumpeterstraße pfarrzentrum heiliger geist

der wagen hält, obwohl niemand den halteknopf gedrückt hat (ich weiß das, weil das "wagen hält-schild" nicht rot aufleuchtet -
der fahrer schaut auf seinen fahrplan -
ich falte meine zeitung in der mitte und stecke sie in meine tasche -
ich stehe auf und gehe zur vordersten tür beim fahrer (wie beinahe jeden tag, um mir einige sekunden zu ersparen ... wozu?) -

universität * das band bitte umdrehen

der fahrer drückt den weichenknopf ein paarmal und dreht das band nicht um -
der wagen kommt langsam zum stillstand -
als ich aussteige sehe ich den roten pferdeschwanz des mädchens -
ein weisses band -
wahrscheinlich wird sie doch keinen aufsatz schreiben müssen, das hoffe ich wenigstens -
der "werther" paßt zu ihr

finale

die uhr springt von 8.14 auf 12 Grad, es wird ein richtiger frühlingstag werden, auf dem heimweg am nachmittag werde ich meine jacke ausziehen -
der schülerlotse hat gerade seine arbeit beendet, ich muß selber aufpassen beim überqueren der straße -
ein paar studenten überholen mich, sie haben es eiliger -
ein paar enten watscheln über den weg und lassen sich in den uniteich plumpsen (gestern habe ich eine tote ente im wasser treiben gesehen) -
ich summe "teure heimat ..." und hole den büroschlüssel aus meiner tasche -

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Veröffentlicht in:
facetten '90. Literarisches Jahrbuch. Linz, Landesverlag.