SIEB.10/Prosa

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Weitere Möglichkeiten des Fremdenverkehrs

Angenommen, man entschlösse sich in St. Anton dazu, nur mehr WintersportlerInnen zuzulassen und verböte allen anderen den Zutritt oder gewährte diesen nur mehr einen begrenzten Zutritt. Dann gäbe es wohl die Notwendigkeit, die Gäste in geeigneter Weise zu kennzeichnen, etwa durch ein deutlich sichtbares Zeichen. Es böten sich hier vor allem Abzeichen, Armbinden, Sticker oder dergleichen an. Aber damit wäre wohl dem Betrug Tür und Tor geöffnet, denn man stelle sich nur die Profitchancen jener vor, die diese Kennzeichnungen fälschten. Und man dachte mit Schaudern an den Schaden zurück, den eine kleine Fälscherwerkstatt mit der Herstellung und dem Vertrieb von Schiliftausweisen im Gemeindebudget hinterlassen hatte.

"Nein", sagte der Bürgermeister nach dem Studium der Unterlagen der Beraterfirma Big Little & Co, "nein, darauf können wir uns nicht einlassen. Wir brauchen ein zuverlässiges System". "Schreiben wir doch einen Wettbewerb aus, wie wir die NichtsportlerInnen am besten ausschließen könnten", schlug der Oppositionsführer vor. "Nichts da!" schmetterte der Bürgermeister diesen Vorschlag ab, "das kostet wieder nur Geld. Die Studie war ohnehin teuer genug!" "Ich lade euch zum Kirchenwirt ein", sagte der Bürgermeister. "Dann erkläre ich euch meine Pläne!"

Als die versammelten Honoratioren des Ortes beim Kirchenwirt beisammen saßen, war nur der Pfarrer gegen diesen Plan einer Kennzeichnung der NichtschifahrerInnen. Begeistert hatte der Gemeinderat geklatscht, als der Bürgermeister seine Kennzeichnungspläne weiter ausführte: nicht nur die NichtschifahrerInnen sollten gekennzeichnet werden, sondern auch die LangläuferInnen, die SnowboarderInnen und die RodelfahrerInnen. "Jeden nach seinem Stande", sagte der Bürgermeister mit einem Seitenblick auf den Pfarrer, der nur den Kopf schüttelte. "Und ich weiß auch schon wie!" Er machte eine kurze Pause und genoß die gespannte Aufmerksamkeit seiner Schäfchen. "Wir brennen allen Gästen bei der Anmeldung ein Zeichen in die rechte Hinterbacke - einen kleinen Schifahrer, ein kleines Snowboard oder einen Loipenfoxi." Nach einer kurzen Pause schürten seine Parteigenossen mit Bravorufen die allgemeine Kennzeichungseuphorie, die schließlich alle in das allgemeine Hochlebenlassen des Bürgermeisters einstimmen ließen.

Bis Mitternacht war mancher Vorschlag geprüft, wieder verworfen, modifiziert und angenommen worden. Mit Beginn der nächsten Saison würde man alle Gäste, die in einem der örtlichen Beherbergungsbetriebe unterkommen wollten, mit einem einfachen Brennapparat, den der Dorfschmied in geeigneter Zahl herzustellen versprach, bei der Anmeldung kennzeichnen. Um die Prozedur auch garantiert schmerzfrei durchführen zu können, würden vom Dorfarzt lokal wirkende Betäubungsprays in ebenfalls ausreichender Menge bereitgestellt. "Die lassen wir uns von einer pharmazeutischen Firma sponsern", warf der für Wirtschaftsfragen zuständige Gemeinderat ein, was ebenfalls mit johlender Zustimmung angenommen wurde. "Schließlich muß man das ja nur einmal durchführen! Unsere Stammgäste brauchen dann bei der Anmeldung nur kurz die Hosen herunterlassen, um sich als Stammgäste erkenbar zu machen." "Und wenn einer vom Langlaufen auf das Snowboard umsteigt, dann bekommt er einfach eine zusätzliche Kennzeichnung!" "Genau! Und der Gast mit den meisten Kennzeichen kann eine Zusatzwoche in St. Anton gewinnen!" ergänzte der Bürgermeister. "An jedem Wochenende machen wir im Gemeindesaal einen Wettbewerb! Da kommen die Gäste nacheinander auf die Bühne und lassen die Hosen herunter. Bei gleicher Anzahl an Sportarten entscheidet das Los!"

 
 

 

SIEB.10 @ 4711 e-zine für literatur

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