ARI UND TESS

oder
THE BIG BANG

Apokalyptische Komödie in 14 Szenen

von

Werner Stangl


Personen

ARI Herrin
TESS Diener, stumm

Ort Zimmer mit Aussicht auf eine Stadtsilhouette

Musik Zwischen den Szenen bei dunkler Bühne aus dem Off ausgewählte Ausschnitte aus Franz Schmidts "Das Buch mit sieben Siegeln"


1. Szene

Ari sitzt auf einem überdimensionierten drehbaren Kinderhochstuhl mitten auf der sonst leeren Bühne. Ari strickt an einem Strumpf, der am Kinderstuhl etwa bis zur Hälfte herunterhängt. Rötlich-gelbes Nachmittagslicht. Die Szene wird langsam dunkler.

ARI Keine Wolle mehr!
Ich brauche Wolle!
Mehr Wolle! Viel mehr Wolle!
Tess!
Wo steckst du denn?
Tess! Tess!
TESS langsam hereinkommend, gähnend
ARI Du Faulpelz!
Du verdammter Faulpelz!
Wo steckst du die ganze Zeit?
Bring mir Wolle!
TESS wendet sich ab und geht
ARI wirft mit einer Nadel nach ihm
Heb die Nadel auf!
TESS hebt die Nadel auf, reicht sie hinauf
ARI reißt ihm die Nadel aus der Hand und sticht nach Tess' Hand
Da! Für deine Faulheit!
TESS zuckt zurück und geht langsam ab
ARI Dieser Schwachkopf! Aber ich brauche ihn!
klopft ungeduldig mit der Nadel auf dem Kinderstuhl

TESS kommt mit einem riesigen Knäuel roter Wolle zurück
ARI Rote Wolle!
Rote Wolle bringst du mir!
Ich hasse rote Wolle!
Bist du farbenblind?
Braune Wolle!
Ich brauche braune Wolle!
Das weißt du ganz genau!
Das machst du mir zufleiß!
TESS macht kehrt und geht ab
ARI Dieser verdammte Schwachkopf!
Immer bringt er mir rote Wolle, obwohl er genau weiß, daß ich rote Wolle nicht ausstehen kann.
TESS kommt mit einem großen Knäuel brauner Wolle und reicht den Knäuel hinauf
ARI sticht ein paarmal nach Tess' Hand
Da! Für deine Dummheit!
Und deine Gemeinheit!
Und deine Niedertracht!
TESS bringt sich mit einem Sprung in Sicherheit, der Wollknäuel fällt zu Boden
ARI befehlend
Gib mir die verdammte Wolle!
TESS zögert
ARI schmeichelnd
Tess! Guter Tess!
TESS nähert sich ängstlich
ARI Ich tu dir nichts!
Warum soll ich dir etwas tun?
TESS wirft Ari den Knäuel zu und verfehlt sie
ARI Gib schon her!
TESS holt den Knäuel und wirft ihn Ari abermals zu; diesmal fängt sie ihn
ARI nimmt den Faden auf und wirft den Knäuel nach Tess
Was stehst du hier herum?
Laß das Rollo herunter!
Ich will diese Stadt nicht mehr sehen!
Ich will diese Menschen nicht mehr sehen.
Gar nichts will ich mehr sehen.
Die Welt sehen heißt die Welt hassen.
TESS macht sich gemächlich daran, die Rollos herunterzulassen; geht dann ab
ARI Womit habe ich diesen Dummkopf verdient?
seufzt

Ich werde müde, müde dieses Wartens.
Daß dieser Haß ein Ende hat.
Daß alles in sich zusammenbricht.
Daß alles wieder so ist wie am Anfang.
Anfang?
Welch eine Lüge!
Es gibt keine Anfänge mehr.
Nur ein Ende!
Das Ende ist, was zählt.
Das Ende, die große abschließende Implosion.
Die unumkehrbare Umkehr des Urknalls.
Das Ende ist das Licht!
Der große Lichtblitz.
Der ultimative Lichtblitz.
Der einzige Lichtblick.
Was zwischen Anfang und Ende ist, ist Lüge.
Leben!
lacht hysterisch

Leben ist das Wachsen des Hasses.
Das langsame Wachsen des Hasses!
Das erbärmlich langsame Wachsen des Hasses.
Wieviele Maschen bleiben noch, wieviele Reihen?
Wann wird Nacht sein?
Wann wird endlich Nacht sein?
Die große Dunkelheit nach dem letzten Lichtblitz?
Verdammt, wo bleibt das Abendessen?
Tess! Tess!
TESS kommt langsam mit einem Pokal herein, den er mit einem Tuch poliert
ARI Du sollst mir das Abendessen bringen!
Du weißt, daß du mir das Abendessen bringen sollst, wenn ich dir befehle, das Rollo herunterzulassen!
Das weißt du ganz genau!
Ich hasse Unpünktlichkeit!
TESS geht langsam ab
ARI Wie hasse ich diese Tage.
TESS kommt langsam mit einem Tablett herein, das er vorsichtig hinaufreicht
ARI Verdammt!
Keinen Käse!
Wie oft soll ich es dir noch sagen!
Davon träume ich immer so schlecht.
Hörst du, keinen Käse!
Geht das nicht in dein Gehirn, daß ich keinen Käse will?
wirft den Käse nach Tess

Das machst du absichtlich!
Du willst, daß ich schlecht schlafe?
Du willst nicht nur meine Tage zerstören, sondern auch meine Nächte.
Zuerst rote Wolle, dann Käse!
Du willst mich quälen, wie mich alle quälen wollen.
Alles will mich quälen und alles quält mich.
bricht das Brot und ißt

Ich hasse Essen.
wirft das Brot von sich

Es muß ein Ende haben! Alles!
wirft das Tablett hinunter

Alles!
Alles!

Blackout


2. Szene

Fahles, gelbliches Licht. Die Szene wird während Aris Monolog langsam heller.

ARI War das eine Nacht.
Jede Nacht ist mir gleich.
Wie hasse ich diese Nächte.
Was sind schon Nächte?
Sehnsucht nach der ewigen Nacht?
Nein, Sehnsucht ist ein Anfang.
Nächte sind Enden, Enden der Sehnsucht.
Und jetzt ein Tag.
Ein Tag, wie all die verdammten Tage zuvor.
Jeder Tag ist mir gleich.
Wozu Tage?
Damit wir die Nächte mit ihrem Haß aushalten?
Die Nächte und ihre Träume.
Diese Träume.
Immer diese Träume.
Immer diese verdammten Träume!
Nächte, Tage und Träume verschachteln sich ineinander.
Wie bei einer russischen Puppe, nur daß es keine letzte gibt.
Die letzte ist immer wieder eine erste.
Tess! Tess!
Das Frühstück!
Dieser Nichtsnutz! Er läßt mich immer warten.
Er weiß, daß ich Unpünktlichkeit hasse.
Mit seiner Unpünktlichkeit will er mich quälen.
Tess! Tess!
Aber ich hasse es auch, wenn er pünktlich dasteht.
Pünktlich und unschuldig.
Mit seiner Pünktlichkeit, seiner Überpünktlichkeit, will er mich quälen.
Die Überpünktlichkeit ist überhaupt das Gemeinste, das Infamste.
Tess! Tess!
Mein Frühstück!
TESS kommt langsam herein, reibt sich die Augen
ARI Mein Frühstück, du Faulpelz!
Mein Frühstück!
TESS geht langsam ab
ARI Verdammt, das Rollo hinauf!
Du weißt, wenn ich nach dem Frühstück rufe, sollst du zuerst das Rollo aufziehen.
Das machst du mir zufleiß, daß du darauf vergißt, das Rollo aufzuziehen!
Du willst mich auch damit quälen.
Wie du mich quälst, wenn du vergißt, das Rollo hinunterzulassen.
Mit allem willst du mich quälen.
Rolloquälerei.
TESS kommt zurück und zieht das Rollo auf
ARI Ich muß diese Stadt sehen.
Ich muß diese Menschen sehen.
Ich hasse es, diese Stadt zu sehen.
Ich hasse es, diese Menschen zu sehen.
TESS kommt langsam mit einem Tablett herein und reicht es hinauf
ARI Wo ist der Käse?
Wo ist der verdammte Käse?
Du weißt, daß ich Käse will!
Zum Frühstück will ich Käse.
Bring mir sofort den Käse.
Ich brauche Käse, um euch zu ertragen.
Um diese Stadt zu ertragen.
Um den Haß zu ertragen.
TESS geht ab
ARI Ich hatte einen Traum!
Einen dieser verdammten Träume.
Da kommen die Erinnerungen an die Anfänge.
An diese Lügen!
Anfänge sind immer Lügen.
Anfänge sind die größten Lügen.
Erinnerungen an Anfänge sind verlogen wie die Menschen.
Menschen packen uns bei unseren Erinnerungen.
Bis sie auch unsere Erinnerungen besitzen.
Auch meine Erinnerungen wollen sie besitzen.
Besitz von Erinnerungen ist alles, was sie wollen.
Damit glauben sie uns ganz zu besitzen.
Erinnerungsbesitz.
dreht sich im Stühlchen zum Fenster

Alles Menschen, die auf der Jagd sind.
Auch mich haben sie gejagt.
Weil sie mich besitzen wollten.
Heute jagen sie mich nur noch in meinen Träumen.
Und in meinen Träumen jagen sie mich noch mehr als früher.
Immer bin ich auf der Flucht vor diesen Jagdmenschen.
Seit ich geboren wurde, habe ich mich ihnen entzogen.
Entzug ist das einzige, das sie schmerzt.
Entzug von Besitz.
Totaler Entzug.
Das ist die einzige Chance.
Damit kann man sie treffen.
Mit totalem Entzug.
Tess!
Wo bleibt der Käse.
TESS kommt langsam herein
ARI Du sollst mir Käse bringen!
Käse mit großen Löchern!
Mit den größten Löchern, die es gibt!
Die Löcher sind das Wichtigste am Käse, das Allerwichtigste.
TESS hebt die Schultern
ARI Wenn kein Käse mehr da ist, dann besorge welchen!
Verdammt!
Man muß immer Käse im Haus haben.
Schönen stinkenden Käse!
Der erinnert mich an eure Ärsche.
Löchrig und stinkend!
TESS geht langsam ab
ARI Tess nachrufend
Mit ganz großen Löchern!
Den größten Löchern, die es gibt!
Laß dir nicht wieder Zeit bis zum Abendessen.
Daß du mir nicht wieder zum Abendessen Käse servierst.
Käse am Abend ist das Infamste, das Allerinfamste.

Blackout


3. Szene

Blasses, lila Licht. Der Strumpf ist inzwischen beträchtlich länger geworden und liegt rund um den Stuhl auf dem Boden.

ARI Tess! Bring mir das Buch! Tess!
TESS kommt langsam mit einem großen Buch herein, das er nur mit Mühe zu Ari hinaufreicht; vom Buch baumeln sieben rote Bänder
ARI Setz dich und hör mir zu!
TESS läßt sich zwischen den Strumpfbahnen nieder
ARI Mach mir den Strumpf nicht kaputt, hörst du!
schlägt das Buch auf und blättert

Willst du eine Vergangenheit hören?
Welche Vergangenheit willst du hören?
Eine freundliche, eine angenehme, eine erträgliche?
Oder willst du die Wahrheit?
Du kannst es dir aussuchen, welche Vergangenheit du haben willst.
Vergangenheiten sind austauschbar.
Soll ich dir eine aussuchen?
Tess zeigt keine Regung

Nein, ich werde dir eine aussuchen.
Ich suche dir immer eine Vergangenheit aus.
Menschen suchen sich immer nur solche Vergangenheiten aus, die ihnen gefallen.
Und sie sind süchtig danach.
Sie sind süchtig nach Vergangenheiten.
liest

Es war ein friedliches kleines Dorf, in dem die Menschen zufrieden und friedlich miteinander lebten. Keiner stahl dem Nachbarn die Kuh oder den Rasenmäher. Am Sonntag gingen alle in die Kirche und anschließend in das Puff. Die Menschen liebten einander und sie waren fruchtbar, denn die Antibabypille war noch nicht erfunden. Die alten Weiber wußten noch, was man mit unerwünschten Kindern macht. Der Pfarrer bestieg in der Sonntagsmesse die Kanzel und danach die Köchin.
Angenommen: in so einem Dorf bist du geboren, Tess. Deine Mutter liebte dich und dein Vater schlug dich, so wie man Kinder schlägt, wenn man sie liebt. Du liebtest deine Mutter, so wie sie dich liebte.
unterbricht das Lesen

Alle Vergangenheiten sprechen von der Liebe zur Mutter.
Was wäre eine Vergangenheit ohne Mütter.
Mütter sind überhaupt die einzige Vergangenheit.
Alle Vergangenheiten sind Mütter.
Mütter!
Diese Gebärmaschinen!
Diese rotierenden Gebärmaschinen.
Die ihren Wurf lieben und zugleich hassen.
Die in ihren Auswurf die Sehnsucht pflanzen, zurückkehren zu können in den Schoß, der sie hinausgepreßt hat.
Die von dem Augenblick an, in dem sie euch ausgespien haben, mit ihrem gierigen Händen nach euch greifen, um euch wieder zu besitzen.
Als ob sie es bereuten, euch ausgekotzt zu haben.
Darum schreien sie so beim Werfen.
Es ist der Schmerz, euch herzugeben.
Euch zu verlieren.
Solange ihr noch drinnen seid, gehört ihr ihnen.
Ganz und gar!
TESS rückt näher zum Stuhl
ARI liest weiter
Jeden Tag sehntest du dich nach dem Schoß deiner Mutter. Du wolltest eindringen in sie. Du wolltest sie penetrieren mit deinem Stachel, du wolltest zurück in den Schutz ihres Leibes. Wollüstig nähertest du dich ihr. Du gabst die Hoffnung nicht auf, jenen Ort wiederzufinden, an dem du eins warst mit ihr. In ihr erhofftest du Trost und Zuflucht...
beobachtet Tess, der jetzt interessierter zuhört

...Trost und Zuflucht.
Eines Tages kam ein Mädchen aus der Stadt ins Dorf. Ein Weib wie deine Mutter. Ein schönes Mädchen, das allen Männern den Kopf verdrehte. Und am Sonntag in der Messe steckten die Weiber ihre Köpfe zusammen, wenn das Mädchen die Kirche betrat. Die Männer taten so, als ob sie das Mädchen nicht sähen. Sie hoben die Gebetbücher, als ob sie sich dahinter versteckten. Aber im Schutz der Gebetbücher ließen sie ihre lüsternen Blicke hinüberschweifen zu jenem Mädchen. Beim Credo erhob sich ihr Schwanz, beim Sanctus klemmten sie ihn ein und bei der Kommunion ejakulierten sie. Auch dem Pfarrer kam es beim abschließenden Segen und die Köchin jammerte beim Auswaschen der Flecken über diese gotteslästerliche Verschwendung.
Alle begehrten das Mädchen. Auch du.
Deine Mutter warnte dich: Laß dich auf nichts ein. Aber deine Säfte waren stärker. Mütter warnen ihre Söhne vor allem Weiblichen, weil sie selber Weiber sind. Weil sie die Sehnsucht kennen, die in den Weibern steckt. Die Gier, penetriert zu werden und euren Samen zu besitzen. Um euch zu besitzen.
Du bist dem Mädchen gefolgt nach der Messe. Mit schwingenden Röcken stieg sie den Weg zum Heiligkreuzberg hinauf. Bei jeder Kreuzwegstation wurde dein Atem schwerer. Das Schwingen des Rockes trieb dir das Blut in die Lenden. Die Sonne stand hoch am Himmel.
Ari blickt zu Tess, dieser zeigt eine undeutliche Regung

Deine Schritte wurden schneller und dein Atem flog. Beim "Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz" sahst du nur noch das Schwingen des Rockes und das Weiß ihres Unterrockes. Du wolltest sie haben. Dir sollte sie gehören, dir ganz allein. Die Sonne brannte immer heißer vom Himmel, aber du frorst. Beim "Jesus am Richtplatz" hast du dich ihr gezeigt. Sie hat nicht einmal geschrien, denn sie hatte Freude daran. Alle Weiber haben Freude daran. Weil sie besitzen wollen.
Du spürtest den Duft des Mooses und ihren brünstigen Atem. Du gehörst mir, keuchtest du. Mir ganz allein. Du drangst in sie ein. Wie es die Sehnsucht aller Männer ist, einzudringen.
unterbricht das Lesen

Einzudringen und in Besitz zu nehmen.
Das ist die maskuline Täuschung.
Ihr wollt nicht auf euren Genen hockenbleiben.
Das ist euer verdammtes Schicksal.
Aber das Weib bestimmt den Gang der Dinge, und das Männchen merkt es nicht.
Die Welt ist eine Damenwahl.
Nicht ihr besitzt, nein, ihr werdet besessen.
Ihr werdet ausgesaugt bis zum Letzten.
Bis zum Allerletzten.
Männer besitzen niemals.
Ihr seid zum Jagen verdammt, ohne jemals zu besitzen.
Wie Maulesel trottet ihr der Karotte hinterher, die man euch vor euer Maul hängt.
Wie Maulesel!
liest weiter

Ein schlechtes Weib! Da war sie wieder, die Stimme deiner Mutter. Und da lag dieses Weib, feucht und offen. Und die Scham lachte. Sie lachte über dich und deine Mutter. Ein Weib wie deine Mutter. Eine Hure wie deine Mutter. Hör auf zu lachen, befahlst du. Da lachte sie noch mehr.
Sie lachte noch immer, als du sie hinter das "Golgatha" schlepptest. Du nahmst dein Messer und versuchtest, das Lachen aus ihrem Gesicht und ihrer Scham zu schneiden.
Aber dieses Lachen blieb. Sie war ein Weib wie deine Mutter.
Wieder die Stimme deiner Mutter: Ein schlechtes Weib...
macht eine Pause

Du flohst in die Stadt, denn dort kannte dich keiner. Dort lachten die Mädchen nicht über dich. Und wenn eine lachte, dann hast du das Lachen aus ihren Gesichtern und ihrer Scham geschnitten. Du dachtest dabei an deine Mutter. Deine tote Mutter. Denn dein Vater hatte sie erschlagen, weil sie einen solchen Bastard wie dich in die Welt gesetzt hatte.
Nur erschlagen kann man Weiber, aber nicht besitzen.
Und dann besitzen sie euch erst recht. Wenn sie tot sind, dann besitzen sie euch, wie sie euch im Leben nie besitzen konnten. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr, sich ihnen zu entziehen. Darum sterben Mütter so leicht, weil sie das wissen!
blickt zu Tess, der erregter geworden ist

Gefällt dir diese Vergangenheit?
blättert

Soll ich dir eine andere suchen?
Vergangenheiten sind austauschbar.
Wie alles austauschbar ist.
Nein! Schluß für heute!
Ich verwöhne dich zu sehr.
Ich habe Hunger.
Tess, bring mir etwas zu essen.
TESS reagiert verwirrt und zögerlich
ARI Verdammt, ich sollte nicht so gut zu dir sein.
Ich sollte dich nicht so verwöhnen.
Wechsle das Töpfchen.
Von deinen Vergangenheiten bekomme ich Diarrhöe.
Erbärmliche Diarrhöe.
Vergangenheiten sind reinster Dünnschiß.
TESS klettert am Stuhl hoch und entfernt das Töpfchen
ARI Dieser Schwachkopf.
Mit der Vergangenheit kann man ihn packen.
Wie alle diese Schwachköpfe.
Alle Schwachköpfe kann man mit der Vergangenheit packen.
Vergangenheitsverpackung.
Scheinverpackungen.

Blackout


4. Szene

Fahles, rosa Licht. Ari strickt und Tess sitzt am Boden und poliert Pokale.

ARI Manchmal genieße ich es!
Verdammt!
Manchmal genieße ich es wirklich!
Kein Käse zum Abendessen!
Das macht alles leichter!
Ich habe meine braune Wolle!
Meine schöne braune Wolle!
Du putzt die Pokale von den Strickwettbewerben!
Meine Stricktriumphe.
Meine grandiosen Stricktriumphe.
Geradezu ein Idyll.
Idylle sind gefährlich!
Von rabiater Gefährlichkeit.
Idylle sind dekadent!
Ein Zeichen des Verfalls!
Des Vermoderns.
Idylle enden in Lethargie.
In absoluter Lethargie.
Man beginnt zu vergessen!
macht eine Pause, fast träumerisch

Vergessen! Vergessen können!
Den Anfang vergessen.
Wie schön wäre es, ohne Vergangenheit zu leben.
Ohne Leben zu leben.
Nur Anfang zu sein, unendlicher Anfang.
TESS steht auf und trägt einen Pokal hinaus
ARI Manchmal beneide ich diesen Schwachkopf.
Schwachköpfe haben es einfach.
Nur Schwachköpfe vergessen.
Vergessen, was man ihnen angetan hat.
Sie gehen wie Schafe zur Scherbank und merken es nicht einmal.
Wie Schweine zur Schlachtbank.
Mit dem Vergessen wächst die Idylle.
Die Idylle wächst.
Idylle sind eine seelische Wüste.
Die Wüste wächst.
Weh dem, der Wüsten in sich birgt.
Man muß ein Zeichen setzen.
Von Zeit zu Zeit muß man ein Zeichen setzen.
Von Zeit zu Zeit muß es einen Knall geben.
Einen großen Knall.
Einen big bang.
TESS kommt mit einem Pokal zurück und beginnt erneut zu putzen
ARI Hör auf! Verschwinde!
Du machst mich krank mit deiner Betulichkeit!
Du machst mich krank!
Alles macht mich krank!
TESS steht langsam auf
ARI Es wird Zeit, etwas zu ändern.
Nur Veränderung ist Leben.
dreht sich im Hochstuhl

Wie hasse ich diese Stadt.
Wie hasse ich diese Menschen.
Du haßt nichts, Tess.
Du bist ein Schaf, ein stinkendes Schaf.
Du genießt deinen Geruch.
Dein olfaktorischer Horizont reicht nur bis zu deinen stinkenden Füßen.
Du ahnst nichts vom Haß.
Nur Idioten hassen nicht.
Haß ist der Motor des Lebens.
Nur Haß garantiert den Fortschritt.
Absoluter Haß.
Ich werde der Welt den großen Knall bereiten.
Den ultimativen Knall.
Tess!
Bring mir den Kalender.
TESS geht ab
ARI Man muß den Termin gut wählen.
Der Termin ist das Wichtigste.
Das Allerwichtigste.
Tess!
Wo bleibst du!
TESS kommt herein und reicht Ari einen Kalender
ARI Wir haben jetzt Anfang Oktober.
Nationalfeiertag?
Da versprechen die Politiker ihren Schäfchen, daß sie ihnen Wollwesten aus der Wolle stricken werden, die sie ihnen zuerst geschoren haben.
Da laufen die Politiker zur Hochform auf.
Verbale Diarrhöe.
Alles Dünnschiß.
Politiker sind die Dünnschißproduzenten schlechthin.
Begleitet von der Bundeshymne.
Diesem Trauermarsch.
Absolut ein Trauermarsch.
"Land der Berge, Land am Strome...".
lacht

Berge von Scheiße, ein Strom von flüssiger Scheiße.
Damit düngen sie die Äcker.
Land der Dome!
Alles Phallokraten.
Land der Hämmer?
kichert

Nein, Land der Lämmer.
Nein, nationale Gedenktage sind ungeeignet für einen big bang.
Absolut nicht geeignet.
Vielleicht Allerheiligen, Allerseelen?
Das Gedenken an unsere lieben Toten!
Ja, lieb sind sie die Toten.
Nur Tote sind lieb.
Nein, das paßt mir nicht.
Das wäre zu passend!
Weihnachten?
Weihnachten!
Das ist es!
Die stillste Zeit im Jahr.
Da wird mein big bang so richtig zur Geltung kommen!
Aus dem Kontrast entsteht das Besondere!
aufgeregt

Tess! Tess!
Besorg mir Wolle! Wir brauchen viel Wolle!
Schöne stinkende Wolle.
Und Dynamit! Viel Dynamit.
Und eine lange Zündschnur.
Beeil dich! Beeil dich!
TESS geht langsam ab
ARI Eigentlich ist der Termin ja egal.
Was sind schon Termine?
Ostern wäre auch nicht schlecht!
Da werden die Lämmer geschlachtet.
Aber da sind die meisten auf Urlaub.
Auf den Seychellen. Auf den Malediven.
Besonders die Pensionisten.
Ganz besonders die Pensionisten.
Oder der erste Mai!
Mit den stinkenden Fackeln und den roten Plastiknelken.
Da werden die Ideologien ausgeschlachtet.
Ich halte es nicht mehr solange aus!
Weihnachten! Das ist die Grenze!
Die Grenze meiner Durchhaltefähigkeit.
Und Weihnachten ist so symbolisch!
So außerordentlich symbolisch.
Symbole sind alles, was diese Menschen haben.
Daran kann man sie packen.
Dieses Pack!
Sie halten Symbole für ihr Leben.
Mit einem Symbol kann man ihnen alles verkaufen!
Besonders zu Weihnachten.
Es muß nur glitzern und funkeln!
Symbole sind ihr Leben.
Ihr Leben ist eine Aneinanderreihung von Symbolen.
singt

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, plötzlich krachts...

Blackout


5. Szene

Gleiches Bühnenbild - das Licht über der Stadt ist grünlich. Ari strickt verbissen. Während des Monologs wechselt Tess das Töpfchen.

ARI mit kürzeren Pausen sprechend
Warum Wolle?
Warum Wol-le?
Wer will schon Wolle?
schüttelt den Kopf

Kann mir einer sagen, warum Wolle?
Kann mir einer sagen, warum nicht Wolle?
Wolle hat etwas Wollüstiges, Wohllüstiges.
Am Anfang war das Wort!
Das ist ein Übersetzungsfehler!
Von Männern!
Um die Herkunft zu verschleiern.
Eine Übersetzungsverschleierung.
Eine Männerverschleierung.
Am Anfang war Wolle.
Wolle und sonst nichts!
Ein riesiger Knäuel Wolle.
Schöne geknäuelte, gekräuselte Wolle.
Alles kommt aus der Wolle.
Am Anfang war die Wolle.
Und am Ende wird Wolle sein.
Das ist die Wahrheit.
Die verdammte Wahrheit.
Wolle hat alles hervorgebracht und Wolle wird alles verschlingen.
Aus Wolle bist du und zu Wolle wirst du werden.
Blödes Gefasel von Müttern und so...
Väter sind nicht einmal ein Gefasel.
Alles, was ist, ist Wolle, nichts anderes.
Schöne, scheißbraune Wolle.
Alles, was jemals war, war Wolle.
Alles, was ist, ist Wolle.
Alles was sein wird, wird Wolle sein.
Punktum.
Die Mütter als der Quell des Lebens.
lacht

Mütter gebären keine Kinder, nein, nur einen blutverschmierten Klumpen scheißbrauner Wolle.
Wimmernde, scheißbraune, stinkende Wolle.
Schafwolle, keine synthetische.
Synthetische Wolle ist das Letzte!
Synthetische Wolle ist das Allerletzte.
Das ist wie Frankenstein!
Nur Schafwolle stinkt wie das Leben!
Schafe stinken so schön, und der Schafwolle riecht's man an, daß sie von Schafen kommt.
riecht an ihrem Strumpf

Wie das riecht, einfach herrlich!
Scheißbraune Wolle riecht am besten.
Sie riecht nach all der Scheiße, die die Schafe produzieren.
Man fühlt förmlich, wie die Schafe geschoren wurden: Schnipp-schnapp.
Und die Scheiße klebt noch daran, da können sie soviel waschen, wie sie wollen.
Der Geruch geht nicht heraus.
Wollwaschmittel. Wozu?
Weichspüler mit Blumenduft? Wozu?
Es nützt alles nichts.
Schafwolle bleibt Schafwolle und Scheißgeruch bleibt Scheißgeruch.
Schafscheißgeruch.
Herrlicher Schafscheißgeruch.
Geradezu phänomenaler Schafscheißgeruch!
Und die Schafwolle wird diese Schafe verschlingen.
Wie alle Mütter ihren Auswurf verschlingen.
Mein Strumpf, mein wunderschöner Schafwollstrumpf wird sie alle verschlingen.
Scheiße zu Scheiße!
Ein viel zu schönes Ende eigentlich.
Ist es nicht die Erfüllung eurer virilen Träume?
Eurer Hoffnungen?
Ist es nicht eine Gnade für Euch?
Ist es nicht das, was ihr wollt?
Daß ihr zurückkehrt in jene Ursuppe, in der ihr noch eins ward mit euren Müttern.
In der ihr eins ward mit der Urscheiße?
Ein riesiger Ballen Urscheiße.
Euer Anfang wird wie euer Ende sein.
Ihr werdet wieder eins sein: Mütter und ihr Auswurf.
Scheiße unter Scheiße.
Früher haben Mütter viel mehr gestrickt.
Schafwollstrümpfe!
Mit denen sie sich den Schweiß ihrer Kinder zurückholen.
Schafwollstrümpfe, die nach Fußschweiß stinken.
Nach herrlichem wochenalten Fußschweiß.
Da nützt keine Puder und kein Spray.
Fußschweiß stinkt.
Das kommt von den Plastikschuhen.
Fußschweiß und Schafscheiße!
Welche Kombination!
Grandios!
Schweißscheiße.
Scheißschweiß.
Riecht nur an den Weibern!
Wenn sie ihre Tage haben, dann stinken sie nach Schafschweiß.
Dem Parfum, das euch nie losgelassen hat.
Darum habt ihr Sehnsucht nach euren Müttern.
Euer Fußschweiß erinnert euch an eure Mütter.
Darum riecht ihr immer an euren Strümpfen!
Am liebsten wickelt ihr euch in eure Strümpfe ein.
Darum badet ihr Männer so selten.
Das ist statistisch bewiesen.
Fußschweißstatistiken.
Ihr habt Sehnsucht nach Fußgeruch.
Stundenlang sitzt ihr am Klo und genießt eure Scheiße.
Es ist nicht das Zeitungslesen!
O nein! Ihr badet in eurem Scheißgeruch!
Weiber baden öfter!
Weil das ihre Macht erhöht.
Sie sind sparsamer mit ihren Gerüchen.
Sie entscheiden, wann sie stinken.
Napoleon schrieb an seine Josephine aus dem Feld:
"Komme bald nach Hause. Hör auf, Dich zu waschen!"
Die Nase ist euer wahres Geschlecht.
Wenn Ihr ein Weib fickt, dann fickt Ihr Eure Mütter.
Dann fickt ihr die Schafe.
Und eure eigene Scheiße.
Männer ficken ständig ihre Scheiße.
Sie suhlen sich geradezu darin.
Mütter hassen ihre Töchter, denn sie riechen wie sie selber.
Sie riechen den Schafschweiß, den Fußschweiß.
In Ihren Töchtern riechen sie sich selber.
In den Töchtern erkennen sie ihre eigene Scheiße.
Und sie hassen sich selber, darum hassen Mütter ihre Töchter.
Knaben?
lacht

Knaben sind eine evolutionäre Nullnummer!
In jeder Beziehung!
dreht sich im Kinderstuhl

Tess! Tess!
Die Morgentoilette!
Tess! Tess!
TESS kommt langsam mit einem Lavoir und einem Waschlappen herein; klettert auf den Stuhl und beginnt Ari das Gesicht zu waschen
ARI Nur das Gesicht und die Nase!
Die Nase vor allem.
Die Nase ist das wichtigste.
Keine Prozedur!
Nicht zuviel und nicht zuwenig.
Nur soviel, daß ich wieder die Wolle riechen kann!
Ich wasche mich nur, damit ich dann genießen kann, wie der Scheißgeruch wiederkommt.
Das sind die großen Hoffnungen.
Genug, genug!
stößt Tess vom Stühlchen

Jetzt kann ich die Scheiße wieder besser riechen!
riecht an ihrem Strumpf

Grandios!
Einfach grandios!

Blackout


6. Szene

Gleiches Bühnenbild.

ARI Tess! Tess!
blättert in einer Zeitung

Tess! Tess!
Verdammter Faulpelz.
TESS langsam hereinkommend
ARI Wo bleibst du denn nur?
Ich werde der Stadt ein Geschenk machen.
Dazu brauchen wir Geld, viel Geld.
Bring mir Papier.
TESS geht ab
ARI ihm nachrufend
Und etwas zum Schreiben.
ARI lacht
Pläne kosten Geld.
zitiert

"Tre cosi, Sire, ci bisognano preparate, danari, danari e poi danari".
Geld ist der Motor.
Schönes stinkendes Geld.
Geld ist das einzige Mittel, mit dem man Menschen packen kann.
Pecunia non olet.
Ha! So ein Unsinn!
Geld hat den absoluten Geruch überhaupt!
Den ultimativen Geruch.
Nach Schafwolle und Fußschweiß.
Es riecht nach den Müttern.
Darum hängen alle am Geld!
nimmt eine Zeitung, liest

Mein Leben! Meine Bank!
lacht

Ich habe zuerst an einen Kredit gedacht.
Heutzutage nehmen ja alle Kredite auf.
Ohne Kredit ist man kein richtiger Mensch.
Aber Kredite sind phantasielos.
Absolut phantasielos.
TESS kommt mit Papier und Kugelschreiber
ARI Komm her! Na, so komm doch!
TESS reicht Papier und Kugelschreiber hinauf
ARI zeichnet
ARI Du weißt doch, daß an jedem Ersten das Geld in die Banken unserer Stadt gebracht wird.
Du erinnerst dich an den Film im Fernsehen.
Fernsehen bildet!
Da haben sie gezeigt, wie das Geld in die Zentralbank geliefert wird.
Du kennst die grünen Wagen, die so langsam durch die Gegend schleichen und den Verkehr behindern.
Der Wagen hält am Hintereingang und dann kommen zwei Angestellte aus der Bank und bringen die Geldkoffer.
zeigt auf ihre Zeichnung

Zwei Polizisten überwachen die Transaktion.
Einer in der Bank und einer draußen beim Wagen.
Du wirst herausbekommen, welche Polizisten am nächsten Ersten dafür eingeteilt sind.
Einen wirst du in der Früh, bevor er aus dem Haus geht, eliminieren. Du wirst dir seine Uniform anziehen und seine Rolle einnehmen.
schmeichelnd

Tess, du bist ein Meister der Verwandlung.
Keiner wird dich erkennen.
Ich habe dir alles genau aufgezeichnet.
Hier ist der Hintereingang.
Dort wird der Wagen halten und wenn du als Polizist die Übergabe bewachst, dann wartest du, bis die zwei Angestellten das Geld zum Wagen bringen.
Dann läuft alles wie üblich.
Hasta la vista, Baby!
Hast du verstanden, Tess?
TESS nickt
ARI Du wirst ein hervorragender Bankräuber sein.
Genauso, wie du ein hervorragender Polizist sein wirst.
Hoffentlich läuft eine Überwachungskamera mit, damit ich dich dann in Aktenzeichen XY bewundern kann.
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Überfall?
Du hattest eine hervorragende Presse.
Diese Schlagzeilen! Drei Tote!
Manche wollen eben immer den Helden spielen.
Die Leute sehen zuviel fern!
Da passiert den Helden nie etwas.
Dieses Mal kommst du mit zwei Toten aus.
Du brauchst aber nicht traurig sein.
Zwei Tote sind zwar ein Rückschritt, aber manchmal muß man einen Schritt zurückgehen, um vorwärtszukommen.
Das ist unvermeidlich, absolut unvermeidlich.
Große Pläne haben immer etwas Unvermeidliches.
Sie haben eine innere Folgerichtigkeit.
Einen inneren Drang.
Stuhldrang.
Wenn man ein großes Werk vollenden will, darf man keine Rücksicht nehmen.
Absolut keine Rücksicht.
Rücksicht ist die Flucht vor der eigenen Scheiße.
Du hast noch zwei Wochen Zeit, alles vorzubereiten.
Du besuchst noch heute den Polizeipräsidenten, diesen eitlen Gecken.
Von dem bekommst du heraus, welche Polizisten den Transport bewachen.
Ich gebe dir eine Spende für den Polizeisportverein mit.
In diesem Verein üben sie das Schießen.
Polizisten sind alle verklemmt.
Schießen ist ein Ersatz fürs Penetrieren.
Der ultimative Ersatz.
Penetrationsersatz.
Es ist statistisch bewiesen, daß die meisten Polizisten im Bett versagen.
Kein Wunder, denn am Schießstand verausgaben sie sich.
Sie leiden auch unter Konstipation.
Auch das ist statistisch bewiesen.
Diese verhinderten Scheißer!

Blackout


7. Szene

Gleiches Bühnenbild - das Licht über der Stadt ist rötlich-orange. Der Strumpf hat inzwischen den Boden erreicht und bildet einen kleinen Haufen.

ARI hält im Stricken inne
Wo Tess nur bleibt?
Noch zwei Monate!
Zwei kurze Monate!
strickt weiter
; lacht
Ihr Weihnachtswunder.
Weihnachten!
Wenn ich das schon höre!
"Oh, du selige" und "O Tannenbaum"!
Weihnachten, das Fest der Bescherung!
Ich werde euch bescheren.
Bescheren und Scheren.
In einem Aufwaschen.
kichert
.
Ich bin wohltätig, wohl-tätig, woll-tätig, woll-tätlich...
hält den Strumpf hoch und lacht

Ja, wolltätlich. Das ist es!
hält im Stricken inne

Tess! Tess!
Wie herrlich stinkt diese Wolle!
Tess!
lauscht

Tess, bist du das?
TESS kommt mit einer Maschinenpistole und einem Geldkoffer herein
ARI Es hat funktioniert!
Öffne den Koffer, damit ich daran riechen kann!
TESS öffnet den Koffer und reicht ihn mit Mühe Ari hinauf
ARI Herrlich!
Einfach herrlich!
nimmt ein Geldbündel und riecht daran

Und jetzt besorge Dynamit.
Viel Dynamit.
Und Zündschnüre.
Und Wolle!
Schöne braune Wolle, die wie dieses Geld nach Scheiße riecht.
Nach Schafscheiße, nach Mütterscheiße.
Eigentlich sollten Mütter ihre Kinder scheißen.
Wozu der vaginale Umweg?
Als Kinder glaubt ihr noch daran, daß ihr beim Arsch der Mutter herauskommt.
Darum schauen Männern immer den Frauen zuerst auf den Arsch.
lacht

Er erinnert sie an irgend etwas, aber sie wissen nicht was.
Erst dann schauen sie auf den Busen.
Nicht wegen des Saugens.
Weil er auch wie ein Arsch ausschaut.
Das Gesicht ist das Letzte.
Das Allerletzte.
Auch das schaut wie ein Arsch aus.
Besorg Wolle, Tess! Schöne stinkende Wolle!
wirft den Koffer hinunter, Tess sammelt die verstreuten Banknotenbündel ein

Und dann gehst du zum Bürgermeister!
Und zum Vizebürgermeister!
Und zur Opposition.
Und nimm Geld mit!
Schönes stinkendes Geld!
Laß sie daran riechen.
zitiert

"Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt".
Auch Politiker hatten eine Mutter.
Und wer eine Mutter hatte, der liebt den Geruch des Geldes.
Weil er sie an ihre Mutter erinnert.
An den Arsch ihrer Mutter.

Blackout


8. Szene

Gleiches Bühnenbild, der Strumpf etwas länger

TESS langsam hereinkommend
ARI Wie war's beim Bürgermeister?
Was hat er gesagt?
Laß dir nicht alles aus der Nase ziehen!
Spiel's mir vor!
TESS nickt geht ab und kommt als Bürgermeister verkleidet - Anzug, schwere silberne Amtskette - zurück
ARI Nun, Herr Bürgermeister, was sagen Sie zu meinem Angebot?
Eine halbe Million für das städtische Waisenhaus, wenn Sie meinen Strumpf als Schmuck am Weihnachtsbaum auf dem Hauptplatz anbringen lassen!
TESS Ich war außerordentlich überrascht, als ich Ihre Nachricht erhielt.
Ein doppeltes Geschenk! Ein außerordentliches Geschenk!
Als Bürgermeister dieser außerordentlich blühenden und außerordentlich aufstrebenden Stadt bin ich natürlich außerordentlich daran interessiert, daß Sie als außerordentlich treue Bürgerin unserer - ich sagte es schon - außerordentlich aufblühenden Stadt - wie ich schon sagte, Ihr außerordentlich großzügiges, ich wiederhole, außerordentlich großzügiges Angebot...
ARI mit Nachdruck
Äußerst außerordentlich großzügiges Angebot!
TESS irritiert ...
äußerst außerordentlich großzügiges Angebot ... gereicht uns zur Ehre. Meine Fraktion wird daher - ich verspreche es - bei ihrer nächsten außerordentlichen Sitzung sich Ihrem außerordentlichen Angebot sicherlich nicht verschließen können.
Wie Sie wissen, gilt mein Wort in der Partei...
ARI spöttisch
Wir vertrauen unserem Bürgermeister außerordentlich!
TESS Der Weihnachtsbaum auf dem Hauptplatz wird mit Ihrem außerordentlichen Geschenk geschmückt!
Dafür verbürge ich mich als Bürgermeister, wenn Sie mir dieses Wortspiel gestatten.
Und die halbe Million, die Sie dem Waisenhaus spenden, werden außerordentlich gut investiert sein...
Wir werden den außerordentlich lieben Kleinen Wollstrümpfe kaufen.
Ich werde eine außerordentliche Weihnachtsjause arrangieren und die Kinder küssen.
Dafür stehe ich hier als Bürgermeister dieser außerordentlich blühenden und außerordentlich aufstrebenden Stadt - ich sagte es schon - und ich wiederhole es - ich...
verliert den Faden, holt einen Zettel aus der Hosentasche

Wir hoffen, daß Sie bei der außerordentlichen Weihnachtsjause und dem außerordentlichen Festakt anwesend sein werden...
ARI Ich danke Ihnen, aber ich ziehe es vor, mich nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen...
Ich habe dieses Haus seit vielen Jahren nicht mehr verlassen.
TESS Ich verstehe, sie wollen im Hintergrund bleiben...
ARI Hintergrund, ja!
Außerordentlich im Hintergrund!
TESS Wie gesagt, wir bedauern es sehr, daß Sie diesen außerordentlich großen Augenblick - der nur durch Ihre außerordentliche Großzügigkeit ermöglicht wurde...
ARI ... äußerst außerordentliche Großzügigkeit...
TESS ... äußerst außerordentliche Großzügigkeit ermöglicht wurde, nicht miterleben wollen.
Ich werde mir erlauben, mit dem Intendanten unserer Fernsehanstalt zu sprechen und ich bin sicher, daß er eine außerordentliche Direktübertragung - live, wie man heute so sagt - arrangieren kann.
ARI Eine außerordentlich gute Idee!
TESS stolz
Keine Ursache.
Darum hat man mich ja zum Bürgermeister gewählt.
Ich genieße das außerordentliche Vertrauen der Bevölkerung.
Es ist doch selbstverständlich, daß der Intendant, mein außerordentlich guter Parteifreund übrigens, sich in den Dienst einer solch außerordentlich guten Sache stellt.
Ich werde im Rahmen der außerordentlichen Sendung "Licht ins Dunkel" - zu der ich als Bürgermeister dieser Stadt wie jedes Jahr eingeladen bin - darauf hinweisen...
ARI Weisen Sie, weisen Sie...
zu sich

Direktübertragung im Fernsehen, daran hatte ich noch gar nicht gedacht ...
TESS Liveübertragung, ja.
Und ich werde eine außerordentliche Rede halten und mir erlauben, auf Ihr außerordentlich großzügiges Geschenk hinzuweisen.
Der außerordentliche Dank dieser Stadt ist Ihnen sicher.
ARI Und Ihre Parteikollegen, werden die keine Einwände haben?
TESS Sie können sich außerordentlich auf mich verlassen.
Schon morgen werde ich in unserer außerordentlichen Fraktionssitzung Ihr außerordentliches Anliegen auf die Tagesordnung setzen.
Wie ich schon erwähnte, mein Wort gilt etwas in dieser Partei.
Meine Partei ist nichts ohne mich.
ARI Ich höre von Ihnen!
TESS Ganz gewiß!
geht ab

ARI Dieser Nichtsnutz.
Eine Partei von Nichtsnutzen!
Eine Partei von außerordentlichen Nichtsnutzen!
Es ist mir schleierhaft, wie ihn die Leute immer wieder wählen.
Aber das sind ja alles außerordentliche Schwachköpfe.
Jede Stadt hat den Bürgermeister, den sie verdient.
Und außerordentliche Schwachköpfe verdienen einen außerordentlichen Schwachkopf als Bürgermeister.
Es ist kein Wunder, daß in dieser Stadt alles außer der Ordnung ist.
Wie das G'scher so der Herr!
Tess! Tess! Wo bleibt die Wolle?
TESS zögernd mit einem Knäuel Wolle hereinkommend
ARI Keine Angst, ich steche Dich nicht.
Ich bin außerordentlich gut aufgelegt.
Der außerordentliche Bürgermeister hat mir gefallen.
Mir gefallen außerordentliche Schwachköpfe.
Sieh nur dich an.
Und wie war es bei der zweiten Regierungspartei?
Auch so ein Schwachkopf...
Spiel's mir vor!
TESS geht ab und kehrt nach kurzer Zeit zurück, ähnlich wie der Bürgermeister gekleidet, nur mit einer kleineren Amtskette
ARI Nun, Herr Parteivorsitzender, was sagen Sie zu meinem Angebot?
TESS Wir waren besonders überrascht, als wir von Ihrem besonderen Anliegen erfahren haben.
Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie, daß wir im Stadtparlament unsere Zustimmung geben, daß der Weihnachtsbaum dieser besonderen Stadt mit einem besonderen Schmuck geschmückt wird.
ARI Sie haben richtig gehört!
Ja, ich möchte der Stadt, die mich nun schon viele Jahre beherbergt, ein Geschenk machen.
TESS Wie Sie wissen, sind wir nur in der Rolle des Zweiten, des besonderen Zweiten...
ARI Ich weiß, aber mit dem Bürgermeister habe ich schon gesprochen.
TESS Nun, dann dürfte es keine besonderen Probleme geben.
Wie Sie wissen, habe ich schon im Vorjahr besonders darauf gedrungen, daß endlich ein besonders großer Baum aufgestellt wird, der ein besonders repräsentatives Symbol einer besonders christlichen Weihnacht ist.
Bisher hat sich die besonders unchristliche Fraktion des Herrn Bürgermeisters unserem besonderen Anliegen immer wieder besonders in die Quere gelegt, aber wir waren besonders hartnäckig und im besonderen Vertrauen auf die besondere Wichtigkeit unseres besonderen Anliegens haben wir sie überzeugen können.
ARI Hervorragend!
Ein größerer Baum ist wichtig.
Wie sie wissen, bin ich nicht unvermögend...
TESS Wir wollen nicht unbescheiden sein...
ARI Ich habe an einhunderttausend gedacht...
TESS Unsere Fraktion wird sich besonders geehrt fühlen...
ARI ...einhunderttausend gedacht...
macht eine Pause

...für den Tierschutzverein, deren Leiter ihnen ja nahe steht.
TESS Das ist besonders großzügig, aber...
stockt

...aber wir in unserer Fraktion haben eher ...
ARI Sie wollen es in bar?
TESS Nun, wie Sie wissen, könnte das Geld in besonders falsche Hände kommen und ich denke... besonders die Bürokratie verschlingt das meiste...
ARI Sie wollen es in einem Koffer...
TESS seufzt erleichtert
Es ist besonders günstig, wenn es dafür keinerlei besonders offizielle Belege gibt...
ARI ...in kleinen Scheinen...
TESS Wenn das möglich wäre, würden wir uns besonders freuen...
ARI Ich werde das Nötige veranlassen.
TESS Sie können unserer besonderen Unterstützung gewiß sein.
Ich werde Ihre besonders großzügige Spende dem richtigen Zweck zukommen lassen, da können sie versichert sein.
ARI Das habe ich nicht anders erwartet.
Und grüßen Sie mir den Leiter des Tierschutzvereins!
TESS geht unter vielen Verbeugungen ab
ARI Dem richtigen Zweck zukommen lassen!
Ha! Diese korrupten Schweine.
Diese besonders korrupten Schweine.
Dem Tierschutzverein!
Eine besonders glänzende Idee!
Auch Schweine sind Tiere!
Und Schweine muß man schützen!
Die Politiker schützen sich selber, weil sie Schweine sind.
Tess, Tess!
TESS kommt herein
Tess, hast du gewußt, daß das europäische Hausschwein in eine seltsame Starre verfällt, sobald es den Atem des Ebers riecht?
Dann bekommt es steife Beine und beugt den Rücken konkav, und nichts will es dann so sehr, als bestiegen zu werden.
Sind dir schon die steifen Beine der Politiker aufgefallen.
Und ihre Rücken erst.
Konkav bis zum Geht nicht mehr.
Sie wollen ständig bestiegen werden.
Sie steigen auf der Karriereleiter hoch, um noch besser bestiegen zu werden.
Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, daß Politiker große Männer sind.
Im Gegenteil.
Ganz im Gegenteil.
Politiker sind Zwitter!
Sie sind nur der Erscheinung nach Männer!
Ihr Verhalten gleicht dem von Weibern.
Von Müttern!
Bei Politikerinnen ist es umgekehrt.

Blackout


9. Szene

Gleiches Bühnenbild - das Licht über der Stadt ist rötlich. Der Strumpf legt sich inzwischen ein paarmal um den Kinderstuhl und beschreibt einen großen Kreis. Tess ordnet die Strumpfbahnen

ARI Sie sind alle korrupt!
Alle! Durch die Bank.
Und warst du auch bei der Opposition?
Spiel's mir vor, Tess, spiels mir vor!
TESS geht ab und kommt als Alternativer verkleidet - Pullover, Jeans - auf einem Fahrrad herein
TESS spricht leichten Dialekt
Servus.
Sag Schwammerl zu mir, einfach Schwammerl!
Du willst uns was spenden?
ARI Für das Flüchtlingslager!
Fünftausend.
TESS Das glaub ich nicht!
Normalerweise spendet nie einer was für Flüchtlinge.
ARI Aber für "Nachbar in Not" sind doch so viele Lastwagen...
TESS Hör auf!
Alles ein Schmäh! Ein Öko-Schmäh!
Damit die Industrie ihre Überschußprodukte loswird.
Und damit die Lastwagen die Luft verpesten können.
Die heimische LKW-Produktion hat davon profitiert.
Und die Banken haben bei den Überweisungen kassiert.
Zehn Ess für jeden Erlagschein.
Alles eine Augenauswischerei.
Die UNO hat die Lastwagen beschützt.
Mit den Panzern und Waffen aus unserer militärischen Produktion.
ARI Wenn Sie also nicht daran interessiert sind...
TESS Das hab ich nicht gesagt.
Wir betreuen auch ein Heim für alleinerziehende Mütter.
ARI Sie sollen eine Spende dafür haben.
Alleinerziehende Mütter!
Eine gute Idee.
Eine hervorragende Idee.
Warum habe ich nicht selber daran gedacht!
spöttisch

Mütter sind ja der Boden, auf dem unsere Gesellschaft wächst.
Mütter sind biologisch und ökologisch.
TESS Genau!
Dafür machen wir uns stark.
Dafür steigen wir auf unsere Traktorbarrikaden.
Dafür setzen wir uns auf die Autobahnen.
Dafür besetzen wir die Fabriken.
zögert

Es gibt nur ein Problem...
ARI Welches Problem?
TESS Wir haben was gegen Weihnachtsbäume!
Bäume gehören in den Wald und nicht auf einen Hauptplatz.
ARI Und wenn ich zehntausend...
TESS zögert
ARI Zwanzigtausend.
TESS Das ist ein demokratischer Diskurs.
ARI Fünfundzwanzigtausend.
TESS Na gut!
Werden wir dieses Mal nicht demonstrieren.
Zu Weihnachten ist's meistens eh kalt!
Da gehen die Demonstranten von einem Glühweinstand zum anderen und vergessen aufs Demonstrieren.
ARI Sie können im Stadtrat anregen, einen umweltgeschädigten Baum aufzustellen, einen ohne Nadeln!
TESS Du hast gute Ideen!
ARI Wozu braucht ein Weihnachtsbaum denn Nadeln!
Die fallen sowieso ab.
Mit meinem Strumpf geschmückt wird keinem auffallen, daß der Baum keine Nadeln hat!
TESS Gut! Du bist klass!
Das wird schon durchgehen.
Wir als basisdemokratische Gemeinschaft müssen aber erst darüber diskutieren.
ARI Diskutieren Sie!
TESS singt
Wahr wird unser grüner Traum, verliert die Nadeln jeder Baum!
im Abfahren

Für deinen Strumpf solltest du aber nur Wolle von ökologisch gezüchteten Schafen verwenden.
Ökologisch und biologisch.
Pfüati!
ARI Ein Weihnachtsbaum ohne Nadeln!
Ausgezeichnet!
So wird mein Strumpf noch besser zur Geltung kommen.
Biologische Schafwolle!
Alles ganz Natur!
Biologische Wolle stinkt noch besser!
Naturnah! Scheißnah!
Der Geruch der Nadeln hätte ohnehin nur den wunderbaren Scheißgeruch meines Strumpfes gedämpft.
So werden sie Scheiße pur haben.
Ein Weihnachtsbaum, der nach Scheiße riecht.
Nach Scheiße und sonst gar nichts!
Tess! Tess!
Und was ist mit unseren famosen Blauen?
Wollen die nichts?
TESS tritt mit einem Trachtenanzug und einem blauen Schal auf; zackig
Wir von der blauen Fraktion sind gewohnt, nicht lange herumzureden.
Wir fackeln nicht lange herum.
Wir fackeln alles ab.
Wir wünschen eine Spende für den Polizeisportverein.
ARI Sollen Sie haben.
Alle sollen etwas haben!
Alle haben etwas verdient.
lacht

TESS Ein der wachsenden Stärke unserer Partei angemessener Teil des Weihnachtsschmuckes sollte in unserer Parteifarbe ausgeführt werden!
Preußischblau!
Schönes preußisches Blau!
Braun allein ist uns zuwenig.
ARI Blau? Warum nicht!
zu sich

Das Blaue geht im Braunen ohnehin unter.
TESS Wir garantieren dafür, daß der Polizeisportverein unsere guten, alten deutschen Weihnachtslieder spielt.
Unter den Polizisten stehen viele unseren Ideen nahe.
Wir treten für Recht und Ordnung ein.
Wir treten auf alles ein, was nicht Recht und Ordnung ist.
Polizisten müssen für Recht und Ordnung sorgen.
Dafür haben sie ihre Gummiknüppel.
Sie haben von den Banküberfällen in der letzten Zeit gehört?
Vor allem ausländische Elemente sind daran beteiligt.
Wir müssen unsere Gesellschaft davor schützen, von diesen fremden Elementen verdrängt zu werden.
Die Entvolkung schreitet voran!
Wir sind der Garant dafür, daß das nicht passiert.
ARI Sie sollen Ihre Spende haben.
Ich werde das Nötige veranlassen!
TESS geht zackig ab
ARI Tess! Tess!
Ich brauche blaue Wolle!
TESS kommt herein
ARI Wir brauchen blaue Wolle!
Preußischblaue Wolle.
Biologische, preußischblaue Wolle.
Was stehst du hier noch herum?
Beschaffe Geld!
Wie immer?
Hasta la vista, Baby!
TESS geht langsam ab
ARI ihm nachrufend
Und besorg auch gleich kardinalsrote Wolle!
Du gehst ja heute zum Kardinal.
beginnt wieder zu stricken

Der wird sicher kardinalsrote Wolle haben wollen.
Nach Weihrauch stinkende Wolle.
Pfui Teufel!
Damit wollen sie den Geruch der Mütter übertönen.
Nichts hassen Pfaffen so sehr wie Mütter.
Darum der Zölibat!
Frauen würden sie immer an ihre Mütter erinnern.
An den schönen Geruch ihrer Mütter.
Diese Pfaffen wollen alles übertünchen.
Aber der Geruch der Mütter ist stärker.
Da können sie mit ihren Weihrauchfässern noch soviel wacheln.

Blackout


10. Szene

Gleiches Bühnenbild - das Licht über der Stadt ist kardinalspurpurn. Ari strickt und blickt immer wieder über die Stadt.

ARI Wo er nur bleibt.
Der Termin beim Kardinal kann doch nicht so lange dauern.
Bist du das?
TESS kommt langsam herein
ARI Was hat er gesagt?
Unser Kardinal, unser Hirte.
Der Hüter aller Schafe.
Alle Pfaffen stinken so schön nach Schafwolle.
Sie geben sich eben zuviel mit diesen Schafen ab.
Kardinäle stinken alle nach Schafsscheiße.
Als wenn sie darin baden würden.
TESS geht ab und kommt als Kardinal verkleidet zurück - er hat dazu einen riesigen Polster unter der Soutane und versucht während des Sprechens immer wieder, seine Hände zu falten, was ihm aber nicht gelingt
ARI Nun, Herr Kardinal, was sagen Sie zu meinem Angebot?
TESS will ihr die Hand zum Kuß hinaufreichen, was aber wegen der Leibesfülle nicht gelingt; keuchend
Gottes Segen sei mit Ihnen.
ARI Schon gut, schon gut!
Kommen wir zum Wesentlichen.
TESS Ich habe Ihre frohe Botschaft erhalten.
Sie bitten mich, den Weihnachtsbaum der Stadt zu segnen.
ARI Und meinen Strumpf!
TESS Nun, es ist eigentlich nicht üblich und vorgesehen, im Rahmen der Weihnachtsliturgie...
ARI Aber Herr Kardinal!
TESS ... im Rahmen der Weihnachtsliturgie ein so profanes Werk mit geweihtem Wasser zu benetzen.
Aber im Hinblick darauf, daß Sie unserer Gemeinde angeboten haben, den Ankauf der neuen großen Glocke für unseren Dom finanziell zu unterstützen, auf daß ihr Ruf die Botschaft des Herrn weithin verkünde...
ARI zu sich
Und mich in aller Herrgottsfrüh aus dem Schlaf läutet!
TESS ... weithin verkünde.
Gerade in einer Zeit, in der die Kirche von allen Seiten bedroht wird: Fristenlösung, Abtreibung, die Pille, Kondome, Kondome in allen Farben.
Erst kürzlich hat mir ein weibliches Mitglied unserer Gemeinde ein solch widernatürliches, abscheuliches und unchristliches Exemplar in den Beichtstuhl mitgebracht.
Ich sollte prüfen, ob es mit unseren Glaubenslehren vereinbar sei. Ein Kondom! Stellen sie sich das vor! Ein Kondom.
Rosa mit Widerhaken und extrafeucht.
Sie hat es durch das Gitter im Beichtstuhl gesteckt, aber es ist mit den Widerhaken immer wieder hängengeblieben.
Ich mußte daran zerren und ziehen, bis ich es endlich in meiner Hand halten und es genau prüfen und verurteilen konnte.
seufzend

Es war noch nicht gebraucht.
Das ist unsere Zeit - gottlos, extrafeucht und mit Widerhaken.
ARI Kondome sind mir wurst.
Mir geht es allein um meinen Strumpf.
TESS Ich habe gestern nach der Hochamt und dem kargen Mittagsmahl lange mit unserem Herrn Zwiesprache im Gebet gehalten und ihn gebeten, mir seine Erleuchtung zuteil werden zu lassen, auf daß ich die richtige Entscheidung für unsere Kirche treffe.
ARI Was hat Ihr ... Herr gesagt?
TESS Nun, in einer Zeit, in der immer mehr Heiden und Ungläubige in unser Land kommen, die noch nicht die Frohbotschaft unseres Herrn vernommen haben, müssen wir jede Gelegenheit nützen, unserer Botschaft den passenden Rahmen zu geben.
Zweifelsohne wird die neue Glocke eine mächtige Verkünderin sein, aber die Heizung in unserem Dom wurde von Teufelsmächten und bösen Engeln ruiniert...
ARI spöttisch
Der Teufel soll doch gerade für die Heizung zuständig sein, Fegefeuer und Höllenfeuer und so...
TESS Scherzen Sie nicht.
Mit diesen Dingen scherzt man nicht.
Die Engel der Finsternis sind unter uns, sie lauern überall.
Sie nehmen Besitz von unseren Seelen, sie verführen und leiten die Menschen zu Bösem an.
Sehen Sie diese Stadt:
Uneheliche Mütter, Singles, Homosexualität, Pillen, Abtreibung, Kondome...
In meinen schlaflosen Nächten flehe ich manchmal zu unserem Herrn, daß er seine Blitze gegen dieses Sodom und Gomorrha schleudert, aber die Zeiten haben sich geändert.
ARI zu sich
...das kann man ja ändern...
TESS seufzend
Wenn wir doch Blitz und Donner als Waffen hätten.
Der Herr läßt auch die Kirche und ihre treuesten Diener im Stich.
Ohne seine Hilfe sind wir machtlos.
Das Böse nimmt überhand.
Die Menschen fürchten nicht mehr den Weihrauch und unsere Gebete, unsere einzigen Waffen im Kampf gegen das Böse.
Wir im Engelswerk...
ARI Was ist jetzt mit der Glocke?
TESS Soll die Glocke die Gläubigen in unsere Kirche rufen, wenn dann die Hände der Gläubigen vor Kälte zittern und nicht vor der Macht der Worte des Herrn?
ARI Sie haben mich überzeugt, Sie brauchen nicht eine Glocke sondern eine neue Heizung.
TESS Ich will nicht unbescheiden sein...
ARI Sie wollen beides?!
TESS Nun, was soll eine geheizte Kirche, in die keine Glocke ruft.
Was soll eine Glocke, die Schäfchen in eine ungeheizte Kirche ruft...
Die Gläubigen wären frustriert.
ARI lachend
Sie haben mich überzeugt.
TESS Ich werde einen Dankgottesdienst abhalten und Sie in das Gebet der Gemeinde einschließen. Wie sie wissen, nehmen wir uns der Frauen in unserer Gemeinde besonders an.
Unsere liebe Gottesmutter...
ARI bei sich
Schon wieder die Mutter!
TESS ...die Mutter unseres Herrn ist die Patronin unseres Doms und unserer Gemeinschaft von der Lieben Frau Mutter.
Die Schwestern dieser Gemeinschaft sind Ihre größten Dienerinnen.
Wie schrieb unser Pater Ildefons so trefflich in unserer Zeitschrift "Gottgeweiht:
"Erkennen, daß man verachtenswert -
Es hinnehmen, dementsprechend behandelt zu werden -
Gerne so behandelt werden".
Verachtet durch das Leben zu gehen, das ist unser höchstes Ziel. Aber frieren wird man deshalb ja nicht müssen.
ARI Sie haben recht.
Sie werden nicht mehr frieren müssen, unsere lieben Frauen und Mütter.
Wir werden ihnen einheizen!
Wahrlich, ich sage Ihnen, sie werden nicht mehr frieren müssen.
Nur das mit dem Dankgottesdienst schlagen Sie sich aus dem Kopf.
Ich wirke lieber im Hintergrund, Sie verstehen?
TESS Im Hintergrund, jawohl, im Hintergrund!
Gott segne Sie und die liebe Gottesmutter wache über Sie!
geht mit einer Segnung ab

ARI lacht, daß der Stuhl wackelt

Blackout


11. Szene

Gleiches Bühnenbild - das Licht über der Stadt ist rosa. Ari strickt und Tess saugt mit einem Staubsauger rund um den Stuhl herum. Er bleibt während des Saugens immer wieder am Strumpf hängen und es gelingt ihm oft nur mit Mühe, sich wieder zu befreien. Tess stößt dabei an Aris Stuhl, daß dieser wackelt.

ARI Kannst du nicht aufpassen!
Willst du mich umbringen?
stößt mit den Nadeln nach ihm

TESS zieht sich in sichere Entfernung zurück
ARI Ich weiß, du haßt mich!
Glaubst du, ich weiß das nicht?
Mir kann niemand etwas vormachen.
Du schon gar nicht!
Du am allerwenigsten.
Käse zum Abendessen.
Der süße Likör mit dem Gift.
Oder mit deinem Putzfimmel.
Glaubst du, ich merke nicht, wie du immer wieder versuchst, mich umzubringen?
Aber du brauchst mich!
Ohne mich bist du ein Nichts!
Hörst du! Ein verdammtes Nichts.
Ein Nichtsnichts.
Du brauchst mich, vergiß das nie!
Mach Schluß mit dem Saugen!
Der Lärm ist ja nicht zum Aushalten!
Deine Niedertracht ist noch größer als deine Dummheit.
TESS zögert
ARI schreit
Hörst du nicht?
Du sollst Schluß machen mit dem Krach!
TESS schaltet den Staubsauger ab und geht langsam ab
ARI ruft ihm nach
Du brauchst mich, vergißt das nicht!
Vergiß das niemals
zu sich

So wie ich ihn brauche.
Verdammt! Ich brauche ihn!
Das weiß dieser Dummkopf genau.
Aber ich laß mir doch von ihm nicht die Laune verderben.
gewollt fröhlich

Heute will ich gut aufgelegt sein.
Sehr gut aufgelegt.
Ganz außerordentlich gut aufgelegt.
Noch einen Monat.
Ich kann es kaum mehr erwarten.
Alles läuft wie am Schnürchen, am Wollschnürchen.
Tess! Tess!
TESS kommt mit dem Staubsauger zurück
ARI Laß diese Teufelsmaschine draußen!
Setz dich zu mir!
TESS geht ab und kommt nach kurzer Zeit zurück und setzt sich zu Füßen des Stuhls
ARI Erinnerst du dich noch daran, als du zu mir kamst?
Wieviele Jahre sind es her? Zwanzig? Dreißig?
Hier verliert man das Gefühl für Zeit.
Was ist Zeit?
Alles Wiederholung!
Verdammte Wiederholung.
Heute ist wie gestern, und gestern wie morgen.
Alles Wiederholung!
Nur wenn man einen Plan hat, ein großes Ziel, dann kann man überhaupt leben.
Nur ein Ziel gibt einen Sinn.
Hörst du mir zu?
TESS reagiert nicht
ARI Du bist zu dumm, mich zu verstehen.
Dein Gehirn ist zu klein, um denken zu können.
Du und dein Schafsgehirn!
Alle da draußen sind zu dumm, um zu denken.
Hast du denn jemals einen Plan gehabt?
Hast du jemals Hoffnungen besessen, Träume gehabt?
Nur Mütter haben Träume.
Darum hassen sie ihre Töchter, denn mit ihnen müssen sie die Träume teilen.
Sie lieben ihre Söhne, denn Söhne sind ihre Träume.
Waren das noch Zeiten, als man neugeborene Mädchen einfach umgebracht hat.
Nicht weil sie wertlos waren, weil sie Konkurrenten waren.
Töchter sind immer gefährlich.
Mütter lieben ihre Söhne und hassen sie zugleich.
Söhne sind der Kompromiß mit der Natur, sind die einzige Möglichkeit von Müttern, ihre Träume wachsen zu sehen.
Nur festhalten muß man sie.
Festhalten.
Mütter klammern sich an ihre Söhne.
Aber davon verstehst du nichts.
Söhne verstehen nie ihre Mütter.
Sie hängen an ihnen, flüchten in ihren Schoß.
Ahnungslos, arglos, hilflos.
Sie müssen in den Schoß zurück, sie haben nichts anderes als diesen Schoß, der sie hinausgepreßt hat.
Irgend etwas zieht sie an.
Ohne diesen Schoß sind sie nichts, absolut nichts.
Darum vergiß niemals:
Ohne mich würdest du wie die da draußen stumpfsinnig...
lacht

...strumpfsinnig vor sich hinvegetieren.
Fressen, scheißen und kopulieren.
Das ist alles was ihr könnt.
Aber etwas verändern, die Welt aus den Angeln heben, das könnt ihr nicht.
Ihr habt keine Visionen.
Keine Träume.
Keine Mütterträume.
Nur Mütter haben Träume.
Ihr habt keine Träume.
Dazu reichen eure Spatzengehirne nicht aus.
Hörst du mir zu?
Verdammt, hör mir zu!
Als ich in diese Stadt kam...
macht eine Pause

Ödi! Was war das für ein Mann!
Er war groß und schön!
Männer sind in der Erinnerung immer groß und schön!
Wenn man älter wird, erkennt man diesen Irrtum.
Dann bekommen sie Glatzen und Bierbäuche.
Dann hocken sie nur noch vor dem Fernseher und stopfen Chips in sich hinein.
Fressen und Saufen!
Mit dem Kopulieren ist es dann vorbei.
Sie stinken zwar noch, aber das ist schon mehr der Geruch der Fäulnis.
Ödi war auch einer von ihnen!
Spiel ihn mir vor, Tess!
TESS steht langsam auf
ARI Nein, nein! Spiel ihn mir nicht vor!
Ihn hast du nie spielen können!
Wenn ich dich so ansehe...
beinahe mitleidig

Wenn ich dich so sehe...
TESS setzt sich
ARI Was war das für ein Mann! Ödi!
Was hätte er für ein Mann sein können!
Groß und stark.
Sie geben sich alle den Anschein, groß und stark.
Männer geben sich immer den Anschein.
Anschein ist alles, was sie haben.
Darin sind sie perfekt.
Aber sie sind dazu verdammt, uns zu enttäuschen.
Auch er hat mich enttäuscht.
Er war auch nicht anders als die anderen.
Er hat auch nichts anderes können als fressen, scheißen und ...
zögert

Ich sah in ihm den einzigen, der nicht so war wie die anderen.
Einmal im Leben kommt immer einer, der scheint anders zu sein als die anderen.
Jedes Weib glaubt daran, und das ist ihr Fluch.
Ihr verdammter Irrtum.
Weiberirrtum.
macht eine Pause

Ödi! Wenn er mich in seine Arme nahm, dann glaubte ich an den Traum.
Er wollte mich haben, wie ich ihn haben wollte.
Ich war schön...
Sag mir, daß ich schön war!
Du weißt, daß ich schön war.
Verdammte Sentimentalität!
Ödi war wie ein stolzes Schiff mit geblähten Segeln und aufragendem Mast!
Als er in den Hafen einfuhr, läuteten alle Glocken der Stadt.
Aber er war auch nicht anders als die anderen!
Männer sind wie Männer!
Das ist die ganze Wahrheit.
Die ganze verdammte Wahrheit!
Jetzt liegt er im Garten unter dem alten Apfelbaum.
Die Würmer haben ihn gefressen.
Tess, bring mir etwas zu trinken!
TESS geht ab
ARI Verdammte Sentimentalität!
Warum erzähle ich diesem Dummkopf das alles?
Ich brauche niemandem, dem ich mein Leben erzählen kann.
Warum sollte ich gerade diesem Idioten, diesem schwachsinnigen Kretin...
Verdammte Sentimentalität!
Ich brauche niemanden! Niemanden!
Tess! Hörst du!
Ich brauche Nie-man-den!
Dich schon gar nicht!
Dich am allerwenigsten!
TESS kommt mit einem Tablett, auf dem eine Flasche und ein Glas stehen; er verstrickt sich einige Male im Strumpf, schließlich reicht er es vorsichtig hinauf
ARI Hast du nichts anderes als diesen verdammten Likör?
gießt ein wenig in das Glas und trinkt

Immer das süße Zeug!
Warum bringst du mir nicht einmal etwas anders?
lauernd

Damit ich nicht merke, daß du mir Gift untermischst?
schleudert das Glas nach Tess

Du willst mich umbringen, das weiß ich!
Du schüttest mir Gift in den Likör!
Alle Söhne wollen ihre...
unterbricht sich erschrocken und schleudert die Flasche nach Tess

Du schüttest mir Gift in das Zeug.
Und du glaubst, ich merke das nicht?
schleudert das Tablett nach Tess

Aber mich kannst du nicht vergiften, nicht mit allem Gift dieser Welt!
Auch Ödi hat es versucht, dieser Schwachkopf!
Weil er sich anderweitig amüsieren wollte!
Er hat geglaubt, ich merke es nicht!
Ich durchschaue alle!
So klug kann ein Mann gar nicht sein, als daß ihn die blödeste Frau nicht durchschaute!
Frauen sind dazu verdammt, die Männer zu durchschauen.
Das liegt in ihrer Natur.
Tess, geh zum Teufel!
TESS geht ab
ARI Was tue ich?
Verdammt, was tue ich!
Ich brauche ihn doch!
Ich darf meinen Plan nicht gefährden!
Nur noch ein Monat!
Solange muß ich ihn noch aushalten!
Vielleicht sollte ich ihm wieder eine neue Vergangenheit vorlesen?
Wieviele habe ich ihm schon vorgelesen?
Nur eine nicht!
Die entscheidende noch nicht!
Nein, noch nicht.
Heute noch nicht.
ruft

Tess! Tess!
Lieber Tess!
Ich habe es nicht so gemeint!
Wir leben doch schon so viele Jahre zusammen...
TESS kommt langsam
ARI Ich hab es nicht so gemeint.
Tess! Mein lieber Tess!
Bring mir eine Zeitung!
Ich lese dir etwas vor!
Das magst du doch!
TESS geht ab
ARI Ich muß ihn versöhnen, den Schwachkopf!
Ich darf meinen Plan nicht gefährden!
TESS kommt mit einer Zeitung und reicht sie Ari hinauf
ARI Komm, setz dich zu mir.
Du liebst doch diese kleinen Geschichten!
TESS setzt sich zu Füßen von Ari auf einen Strumpfhügel
ARI So ist es recht.
Mach es dir bequem.
Was berichten unsere Journalisten denn heute?
Was wüßten wir von der Welt schon, wenn diese Journalisten sie nicht emsig in unsere Wohnzimmer tragen würden?
Sie kennen die Welt, das wahre Leben.
Man bekommt heute vom wirkliche Leben ohnehin nichts mit.
Alles Imitation. Alles Abklatsch.
Journalisten sind hautnah dabei.
Sie sind die besten Imitatoren.
Journalisten sind Realitätsimitatoren.
Sie saugen sich die Realität aus ihren Fingern.
Sie imitieren den Geschmack der Menschen.
Man braucht die Zeitung nur aufzuschlagen!
blättert; liest

"Goldhamster von Lady Di entlaufen".
Das geht zu Herzen.
blättert; liest

"Millionenstreit bei Klestils".
Die Journalisten wissen, was die Leute lesen möchten.
Das steigert die Auflage.
In geradezu schwindelerregende Höhen.
blättert; liest

Geisterfahrer prallte gegen Auto.
Ein von einem Geisterfahrer aus Braunau in Bayern verursachter Unfall forderte gestern zwei Schwerverletzte. Seite 25.
blättert

Schade. Keine Toten.
Aber vielleicht krepieren sie noch!
Bei unseren Ärzten!
Bei unseren Krankenhäusern!
Bei unserer Intensivmedizin!
Da besorgen Maschinen das, was früher die Quacksalber noch eigenhändig besorgten.
Traktieren bis zum Exitus.
Außerdem sind es zwei Ausländer.
Sollen sie doch zuhause bleiben.
liest

Der Beifahrer schwebt noch in Lebensgefahr.
Siehst du, Tess, man soll die Hoffnung nie aufgeben.
liest

15jährige prallte gegen Lokomotive.
Die 15jährige Sabine H. aus Vöcklabruck wollte gestern früh mit dem Zug von ihrem Wohnort zur Schule fahren. Sie überhörte beim Überqueren der Gleise offensichtlich den einfahrenden Zug, da sie die Kopfhörer ihres Walkman aufhatte. Sie prallte mit dem Kopf gegen die Lokomotive. Der Lokführer, Thomas B. (64 Jahre) aus Ohlsdorf, leitete noch eine Schnellbremsung ein, aber es war zu spät. Er wurde mit einem Schock in das Landeskrankenhaus eingeliefert.
blättert

Der Ärmste.
Jetzt braucht er sicher psychotherapeutische Betreuung.
Supervision für Lokführer.
Da, Tess, das wird dir gefallen.
liest

200 kg Sprengstoff und Munition spurlos verschwunden.
Aus dem Munitionsdepot der Bundesheerkaserne Hörsching entwendeten in der Nacht auf Mittwoch bisher unbekannte Täter 200 kg Sprengstoff und Munition. Wie die Sicherheitsdirektion der Landeshauptstadt mitteilt, vermutet man Zusammenhänge mit den jüngsten Briefbombenanschlägen auf österreichische Politiker. Die Spur führt in rechtsextremistische Kreise. Man befürchtet, daß das bevorstehende Weihnachtsfest von diesen Splittergruppen genützt werden könnte, wieder Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten. Der Innenminister hat daher an alle im öffentlichen Leben stehenden Personen eine schriftliche Warnung versandt, beim Öffnen der um diese Jahreszeit üblichen Weihnachtsgeschenke Vorsicht walten zu lassen. Er empfiehlt, solche Geschenke ungeöffnet an die Absender zurückzusenden. Es wird daher angeordnet, anstelle von Weihnachtsgeschenken die entsprechenden Geldbeträge bargeldlos auf die Konten der Politiker zu überweisen.

Blackout


12. Szene

Ari sitzt strickend auf dem Kinderstuhl. Tess versucht vergeblich, die Strumpfbahnen zu ordnen. Am Beginn der Szene bleibt er weitgehend unbeteiligt.

ARI Brav, Tess! Sehr brav!
Es darf keine Knoten in meinem Strumpf geben.
Die Zündschnüre sind eingestrickt.
Das Dynamit in kleinen Portionen gut versteckt.
Du wirst die Anbringung überwachen.
Hast du den Plan studiert?
Paß auf, daß du den elektrischen Kontakt nicht verbiegst.
Du mußt ihn nach dem Anbringen des Strumpfes am Baum mit der elektrischen Beleuchtung verbinden.
Wenn der Bürgermeister dann den Hebel umlegt...
lacht

Sehr gut machst du das!
Du hast dir eine Belohnung verdient.
Ich habe heute eine besondere Vergangenheit für dich.
Nein, du brauchst nicht das Buch holen.
Diese Vergangenheit kenne nur ich!
Die steht in keinem Buch.
Erinnerst du dich noch daran, wie du zu mir gekommen bist?
Weißt du noch, wer deine Eltern waren?
Natürlich weißt du es!
Ich habe eine Überraschung für dich!
Hörst du, eine Überraschung!
Jetzt, wo sich mein großer Plan erfüllt, kann ich dir die Wahrheit sagen.
Es macht mir Spaß, dein Gesicht bei der Wahrheit zu sehen.
Deiner Wahrheit, die nur ich kenne.
Wahrheiten ändern nie etwas.
Wahrheiten ändern absolut nichts.
Auch nicht die Wahrheit über die Vergangenheit.
Die ändern erst recht nichts.
Hörst du mir zu?
Sieh mich an!
Tess wirkt weiter unbeteiligt

Die Vergangenheit ist niemals so, wie man denkt, daß sie ist!
Das ist die große Illusion der Menschen.
Das Leben ist nichts anderes, als das Zerstören der Illusion von der eigenen Vergangenheit!
Während des ganzen Lebens jagt man seiner Vergangenheit nach.
Niemand kann seine Vergangenheit festhalten, sie verändert sich von Augenblick zu Augenblick.
Andere kennen die Vergangenheit immer besser als man selbst.
Das liegt in der Natur der Vergangenheit.
Vergangenheiten gehen immer auf andere über.
zitiert

"Wenn ich das Märchen meines Lebens mir erzähle, dünkt mir, ein andrer spräch', ich hörte zu, ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein".
Ich werde dir eine Geschichte erzählen, deine Geschichte.
Die Geschichte deiner Wahrheit.
Hör auf mit dem Herumgezerre.
Du machst noch etwas kaputt.
Ich kenne deine Geschichte besser als jeder andere.
Ist es dreißig Jahre her? Oder vierzig?
Aber das Datum spielt keine Rolle!
Überhaupt keine Rolle.
Deine Eltern waren doch Artisten, Clowns, Zigeuner.
So wie du ein Clown bist.
Einmal ein Clown, immer ein Clown!
Jedes Jahr bist du mit dem Zirkus in die Stadt gekommen.
Jedes Jahr um dieselbe Zeit.
Dabei waren sie ...
Hör genau zu, dabei waren sie nicht einmal deine Eltern.
macht eine Pause

Dein Vater war nicht dein Vater, deine Mutter war nicht deine Mutter.
Kapierst du?
Heute sollst du erfahren, wer deine wirklichen Eltern waren.
Du warst ein Findelkind.
Die, die du für deine Eltern gehalten hast, haben dich vor vielen Jahren gefunden.
Gefunden und nicht entbunden.
Im Löwenkäfig.
Sie haben dich aus einem Löwenkäfig geholt, bevor dich das Vieh gefressen hat.
Ja, Löwenfutter warst du!
Verdammtes Löwenfutter!
macht eine Pause

Und weißt du, wie du in den Käfig gekommen bist?
Weißt du, wer dich dem Löwen zum Fraß vorgeworfen hat?
Nein, natürlich nicht, das kannst du nicht wissen.
Du warst nur ein hilfloses Bündel, ein blutiger Klumpen Fleisch.
Aber du warst besonderes Fleisch.
Tess nähert sich langsam, ist aber noch immer unbeteiligt

Ganz besonderes Fleisch!
Du warst die Frucht des Hasses!
Deine Mutter, deine wirkliche Mutter, die hat dich gehaßt.
Sie hat dich den Löwen zum Fraß vorgeworfen.
Sie wollte, daß du spurlos verschwindest.
Du solltest zerrissen werden.
Hörst du?
Zerrissen, zerfetzt.
Tess nähert sich weiter

Immer wieder habe ich mir vorgestellt, wie die Zähne der Bestie deinen Kopf zermalmen.
Wie das Blut im Käfig herumspritzt.
Dein verhaßtes Blut, in dem das Blut deines Vaters floß.
Deines verdammten Vaters.
Aber es floß noch anderes Blut in dir!
Ganz anderes.
Das Blut des Hasses.
Es sollte keine Spur bleiben.
Du solltest keine Spur hinterlassen in dieser Welt.
Wie oft habe ich in meinen Träumen das Knirschen der Löwenzähne gehört und gejubelt.
Das Spritzen des Blutes mir ausgemalt.
Mit deinem Blut habe ich die Wände meiner Erinnerung ausgemalt.
beinahe belustigt

Es ist ein Rätsel, warum dich der Löwe nicht gefressen hat.
Vielleicht hatte er Angst, sich an dir den Magen zu verderben.
Immer wieder habe ich mir vorgestellt, wie der Löwe langsam näher schleicht und an dem Bündel riecht.
Wie er das Wimmern hört, dein Wimmern.
Wie er Witterung aufnimmt von frischem, lebendem, wimmerndem Fleisch.
Wie er zögert, wie er sich duckt und dann endlich... zupackt.
Es war alles geplant.
Es sollte kein Zeugnis geben meines Irrtums.
Keine Spur.
Diese verdammten Clowns.
Sie haben dich großgezogen, sie haben dich zum Clown gemacht.
Du bist als Kind in der Arena herumgelaufen, sie haben dich mit Wasser bespritzt, sie haben dir mit einem Gummihammer auf den Kopf geschlagen.
Du hast die Hosen verloren, während du liefst.
Sie haben dich als Mädchen verkleidet.
Darum bist ein so guter Verkleidungskünstler geworden!
Erinnerst du dich noch?
Verdammt, erinnerst du dich noch?
Tess blickt unbeteiligt zum Fenster hinaus

Als ich dich sah, als dieser verdammte Zirkus wieder in die Stadt kam, als ich dich sah, da hat mich fast der Schlag getroffen.
Es konnte doch nicht sein, daß mein Plan schiefgelaufen war.
Aber ich sah dein Gesicht und ich habe dich erkannt.
Ich konnte mich nicht irren.
Was sollte ich tun?
Zwei Kanister Benzin sollten reichen.
Es war kein Zufall, hörst du, kein Zufall, daß der Zirkus zu brennen anfing.
Und es war kein Zufall, daß das Feuer von Eurem Wohnwagen ausging.
Der Teufel wollte, daß du überlebtest.
Der Teufel schützt die Kinder des Hasses.
Man hat deine Eltern, die gar nicht deine Eltern waren, der Brandstiftung verdächtigt.
Man hielt deine Eltern für Brandstifter, die selber in den Flammen umgekommen waren.
Du warst für alle ein Kind von Brandstiftern.
In jener Nacht hast du aufgehört, zu sprechen.
Der Zirkusdirektor packte dich und wollte dich erschlagen.
Diesen Bastard von Brandstiftern.
Ich habe es verhindert.
Als ich dem Direktor anbot, dich mitzunehmen hat er gejammert.
Zehntausend hast du gekostet!
Verdammte Zehntausend!
Er wollte mehr Geld!
Hörst du, mehr Geld.
verächtlich

Er hat handeln wollen, dieser Provinzzirkusdirektor.
Du mußt mir dankbar sein, hörst du, verdammt dankbar.
Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn dich der Zirkusdirektor erschlagen hätte.
Aber du hast noch eine Chance bekommen.
Ich habe dir eine Chance gegeben.
Der Teufel weiß, warum?
Ich wollte mich amüsieren.
Diese Erinnerung hat mich am Leben erhalten.
Deine Existenz ist eine Laune, ein Spaß.
Hörst du? Ein Spaß!
Du solltest eine Rolle für mich spielen.
Und du hast deine Rolle gut gespielt, sehr gut gespielt.
TESS hat sich langsam genähert, zeigt den Anflug einer Regung
ARI Bilde dir nichts darauf ein, du Schwachkopf!
Alles, was du bist, bist du durch mich.
Ganz allein durch mich!
Alle Menschen sind nur das, was ein anderer aus ihnen macht.
Ich werde dir etwas schenken, hörst du.
Weil ich sentimental werde, weil ich verdammt sentimental werde.
Weil mein Plan - mein großer Plan - so schön funktioniert.
Bring mir die rote Wolle, schöne rote Wolle.
Die Wolle, mit der du mich immer gequält hast.
Schau nicht so dumm!
Ich hasse rote Wolle, aber für dein Geschenk brauche ich rote Wolle.
So rote Wolle, wie deine Clownnase rot war.
So rot, wie das Feuer in dem verdammten Zirkus.
So rot wie das Blut, das der Löwe nicht verspritzen wollte.
Verdammte rote Wolle brauche ich für dein Geschenk.
Ich muß die Wolle hassen können.
Nur dann wird mir mein Geschenk für dich gelingen.
Nur dann!

Blackout


13. Szene

Der Morgen des 24. Dezember. Blaßlila Licht. Tess rollt einen Teil des Strumpfes ein und zerrt ihn hinaus. Dabei bleibt er immer wieder stehen und betrachtet beinahe liebevoll Ari. Er bemüht sich, leise zu sein. Ari wacht auf ihrem Stühlchen auf. Tess geht mit einem zusammengerollten Strumpf ab.

ARI gähnt
TESS kommt mit einem Tablett herein
ARI Heute, Tess! Heute!
TESS reicht das Tablett hinauf
ARI Welch ein Tag!
Alles ist bereit!
Heute erfüllt sich mein Plan!
Der Käse hat heute aber besonders große Löcher.
Freue dich, Tess! Freue dich mit mir.
Heute Abend gibt es die große Bescherung.
Mein Strumpf wird abgeholt und der Weihnachtsbaum auf dem Hauptplatz geschmückt.
Ich kann ihn von hier aus sehen.
Ein herrlicher dürrer Pfahl ohne Nadeln.
Ganz so, wie ihn sich die Grünen sich gewünscht haben.
Der Bürgermeister hat deshalb zugestimmt, weil ein Baum ohne Nadeln billiger ist.
Vermutlich haben sie den vom letzten Jahr genommen.
TESS rollt einen Teil des Strumpfes zusammen und zerrt ihn mühsam hinaus
ARI Hast du alles organisiert?
Hast du den Sprengstoff gut im Strumpf verstaut?
Die Zündschnüre verknotet?
Ja, du hast alles hervorragend organisiert.
Du bist ein Meister des Organisierens.
Bist du aufgeregt, mein Tess?
Ich bin ganz ruhig!
So ruhig!
Ich muß dich loben.
Du hast dich in letzter Zeit verändert.
Kein Käse zum Abendessen.
Kein süßer Likör sondern Obstler.
Du besserst dich!
TESS nimmt das letzte Stück des Strumpfes und zerrt es hinaus
ARI Leer! Wie leer alles ist!
Die Fadesse führt den Todestrieb äußerln.
TESS kommt zurück und will einen kurzes wollenes rotes Band, das noch am Stuhl hängt, ebenfalls mitnehmen
ARI Nein, Tess!
Dieses Stück gehört nicht dazu
schenkt Kaffee in eine Tasse und trinkt
.
Und jetzt bring den Fernseher herein.
TESS geht ab und kommt nach einiger Zeit mit einem Fernsehapparat, der auf Rollen läuft
ARI Sehr gut!
Ein wenig mehr nach rechts.
Ja, so ist es gut!
Was täte ich ohne dich?
Gibt mir die Fernbedienung!
Jetzt ist alles bereit.
So, nun setz dich zu mir!
Genieße diesen Morgen.
Du hast es verdient, ja, du hast es verdient.
Ohne dich hätte ich es nie geschafft.
Freue dich, Tess! Freue dich!
TESS setzt sich zu Füßen des Stuhles
ARI Ich habe Lust auf Champagner!
Hol uns Champagner!
Heute darfst du mittrinken.
Bring zwei Gläser mit.
TESS geht ab und kommt mit einer Flasche und zwei Gläsern. Öffnet die Flasche und schenkt ein
ARI Welch ein Tag!
Trink mit mir!
Wie ruhig ich bin!
So ruhig!
Ein herrlicher Wintermorgen.
So friedlich liegt die Stadt.
Noch schlafen sie alle.
Den letzten Schlaf, ihren verdammten letzten Schlaf.
Stoß an mit mir!
Auf den letzten Schlaf.
Gib mir das Fernrohr.
TESS reicht Ari das Fernrohr, das in einem Köcher am Stuhl hängt
ARI blickt durch das Fernrohr
Wie ruhig alles ist.
Die letzte Ruhe!
Ich kann den Weihnachtsbaum am Hauptplatz sehen.
Noch sind seine Lichter nicht angesteckt, noch ist mein Strumpf nicht vollständig angebracht.
beinahe ängstlich

Du hast doch alles organisiert?
Natürlich hast du!
Wie du immer alles organisiert hast.
hebt das Glas

Auf deine Organisation!
Darum habe ich auch ein Geschenk für dich!
Komm her!
Ja, ich habe ein Geschenk für dich!
Diesen Schal sollst du heute tragen, heute an meinem großen Tag.
Leg ihn um, Tess!
TESS nähert sich langsam
ARI Komm nur, dieser Schal ist für dich
reicht Tess das Wollband
.
Die Wintermorgen sind kalt und er wird dich wärmen.
Leg ihn um!
TESS nimmt zögernd das Wollband
ARI Jaja, er ist für dich!
Leg ihn nur um!
Ari denkt auch an ihren lieben Tess!
Ari hat auf ihren kleinen Tess nicht vergessen.
TESS hängt sich das Wollband um
ARI Sei doch nicht so ungeschickt.
Nein nicht so!
zärtlich

Komm herauf, Tess!
Mein lieber Tess.
TESS klettert das Stühlchen hoch
ARI So mußt du ihn nehmen!
knotet eine Schlinge und legt diese um Tessens Hals

Er soll dich doch wärmen!
schlingt das andere Ende um die Armlehne des Stühlchens

Du sollst nicht mehr frieren, mein Tess!
Nie mehr frieren!
stößt Tess vom Stuhl

TESS hängt mit zuckenden Bewegungen am Stühlchen, wehrt sich aber nicht
Ich liebe dich...

Blackout


14. Szene

Der Abend des 24. Dezember.. Dunkellila Licht. Ari sitzt auf ihrem Stühlchen, Tess liegt mit verrenkten Gliedern zu Füßen des Stühlchens. Rechts auf der Bühne der Fernseher.

ARI Mein Tag! Mein großer Tag!
nimmt das Fernrohr und blickt aus dem Fenster

Schade, daß du das nicht sehen kannst, Tess.
Jammerschade!
Der Hauptplatz ist hell erleuchtet.
Schon versammeln sich die Leute.
Der Baum, herrlich geschmückt mit meinem Strumpf, meinem wunderschönen Strumpf!
Es funktioniert alles wie am Schnürchen!
kichert

Die Turmbläser versammeln sich.
schaltet mit der Fernbedienung den Fernsehapparat ein.

Tess, wie schade!
aus dem Fernseher hört man das Einblasen, kurze Passagen von Weihnachtsliedern

Warum bin ich so ruhig?
undeutliche Stimme eines Kommentators, nur einzelne Wortfetzen sind verständlich; Ari blickt abwechselnd durch das Fernrohr und zum Fernseher

Jetzt kommt unser außerordentlicher Bürgermeister!
Fanfare

Der besondere Vizebürgermeister, der ganze Stadtrat.
Applaus

Der Kardinal!
Der Kardinal rollt durch die Menge.
aufgeregt

Die Kamera schwenkt über die Menge.
Mein Baum!
Da der Bürgermeister in Großaufnahme!
Da ist der Hebel.
Der Hebel für die Beleuchtung!
Der ultimative Hebel.
Der Hebel aller Hebel.
kichert

So macht schon weiter.
Applaus, Wortfetzen der Begrüßung durch den Bürgermeister; man hört ein paarmal "außerordentlich" , Applaus

Ja, außerordentlich.
Bald wird alles noch viel außerordentlicher sein.
Tess! Bald ist es soweit!
Ruhig Ari, nur ruhig!
Weihnachten ist das Fest des Friedens.
Des ewigen Friedens!
Der Kardinal segnet den Baum!
Fanfare

Der Kinderchor aus dem städtischen Waisenhaus!
Fetzen von einigen Kinderliedern

Wie rührend!
Die roten Bäckchen der Kleinen!
In Großaufnahme.
Kindern gehört die Zukunft!
Wie liebe ich Kinder!
Tess, auch du warst ein Kind, mein Kind!
Mein geliebtes Kind!
Nein, nicht auch noch der Vizebürgermeister!
Applaus, Wortfetzen der Rede des Vizebürgermeisters, ein paarmal "besonders", Applaus

Verdammt, ich halte es nicht mehr aus!
Eine Hubschrauberaufnahme vom Hauptplatz.
So viele Menschen.
Wunderbar.
Sie stopfen die Langos in ihre Mäuler und die Glühweinfahnen kann man bis hierher riechen!
Wunderbar!
Fanfare

Na endlich!
Wieder der Hebel in Großaufnahme!
Gleich!
Die Hand des Bürgermeisters...
Sie greift nach dem Hebel!
Langsam legt ihn die Hand um...
euphorische Stimme des Kommentators

Verdammt, was ist da los?
Warum passiert nichts?
rüttelt am Stuhl, das Töpfen am Stuhl beginnt rot zu blinken

Tess! Tess!
Du Betrüger!
Du verdammter...

Ein heller Lichtblitz, Rauch aus dem Töpfchen, ein Knall

Blackout